Gestufte Studienabschlüsse
Eine Möglichkeit
für Sozial- und Geisteswissenschaften?
Dokumentation
einer Tagung in der Universität Hamburg
am 15. Dezember 1997
Inhalt:
Vorwort
1. Tagungsbeiträge:
Jürgen
Lüthje:
Gestufte Studienabschlüsse - eine Möglichkeit
für Sozial- und Geisteswissenschaften? Eröffnung der gleichnamigen
Tagung des Verbundes Norddeutscher Universitäten
Wolfgang
Hornig:
Der Baccalaureus an der Universität Augsburg
Günther
Wartenberg:
Die Einführung von Master- und Baccalaureus-Studiengängen
an der Universität Leipzig
Gerd Stratmann:
Das Reformmodell zur Neustrukturierung des Magister-,
Master- und Baccalaureus-Abschlusses an der Ruhr-Universität
Bochum
Wolfgang
Körner:
Bericht zum Stand der Diskussion um Master- und
Bachelor-Abschlüsse in der Kultusministerkonferenz
2. Ergebnisse der Arbeitsgruppen:
Philipp
Busch: Baccalaureus? Ja, aber...! Zusammenfassung der Diskussion
in den Arbeitsgruppen
3. Erste Modelle von gestuften Studienabschlüssen in den Universitäten
des Verbundes:
Universität
Hamburg:
Matthias
Jantzen: Das Baccalaureat am Fachbereich Informatik der Universität
Hamburg
Jörg
Schönert: "Kleiner Abschluß" des Hochschulstudiums
statt "Abbruch"
Universität
Oldenburg
Volker
Mellert: Master-Studiengang in Science Engineering Physics der Fachhochschule
Ostfriesland und der Universität Oldenburg
Universität
Rostock:
Sabine
Teichmann: Dem Pragmatismus allein das Wort reden - nein, danke!
Rostocker Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer sichern Ausbildungsqualität
auch in gestuften Studiengängen
4. Materialien zum Thema aus den Universitäten des Verbundes:
Universität
Bremen:
Wilfried
Müller: Internationalisierung des Studiums
Universität
Rostock:
Sabine
Teichmann/Philipp Busch: "Kurz und Knackig" - Zur Einführung
von Kurzstudiengängen an deutschen Universitäten
Vorwort
Die
Idee zu der in diesem Band dokumentierten Tagung entstand auf einer
Auswertenden Konferenz in der Evaluation des Faches Geschichte.
Auswertende Konferenzen sind diejenigen Gelegenheiten im Evaluationsverfahren
im Verbund Norddeutscher Universitäten, an denen Gutachtende,
Begutachtete und Hochschulleitungen den Bogen schlagen von der Analyse
der Stärken und Schwächen der evaluierten Studienfächer
zu den Konsequenzen, die aus einer Evaluation gezogen werden sollen.
Im Fach Geschichte wurde in allen fünf Universitäten die
Möglichkeit erörtert, einen weiteren Abschluß vor
dem Magister zu ermöglichen. Wäre das nötig? Wie
sollte ein solcher Abschluß genannt werden? Sollten mit diesem
Abschluß besondere Qualifikationen für spätere Tätigkeitsfelder
eröffnet werden oder sollte er einen Ausstieg nach kürzerer
Studienzeit für diejenigen bieten, die bereits Kontakte in
die spätere berufliche Praxis aufgebaut hatten und wahrnehmen
wollten? Von welchen der im Magisterexamen geforderten Fähigkeiten
und Fertigkeiten wäre überhaupt denkbar, daß sie
bereits im sechsten Semester erworben sein könnten? Begeben
sich die Universitäten mit dem Angebot von Abschlüssen
nach sechs Semestern in das bisher den Fachhochschulen zugerechnete
Terrain? Wie werden Absolventinnen und Absolventen mit kürzeren
Studienabschlüssen vom Arbeitsmarkt aufgenommen, bewertet und
eingeordnet? Bringt das Angebot eines vorzeitigen Abschlusses die
Studierenden langfristig um die Unterstützung mit BAFöG
für die Zeit bis zum Magister? Sind kürzere Studienabschlüsse
ein Gebot der Internationalisierung? Wenn für kürzere
Studiengänge einzigartige Curricula entwickelt werden, können
Studierende trotzdem ohne Zeitverlust an eine andere Universität
mit anderen Studiengängen wechseln? Auf der Auswertenden Konferenz
im Februar 1997 wurden viele Fragen zu diesem Thema aufgeworfen,
um Antworten zu finden, brauchte es eine größere Informationsbasis.
Die sollte mit einer Tagung hergestellt werden.
Das
Thema "gestufte Studienabschlüsse" wurde mit Bedacht
gewählt. Weder sollte die Assoziation an Kurzstudiengänge
- seien sie nun auf spezifische Art berufsvorbereitend oder ein
Angebot an Studierende, die sonst das Studium abzubrechen drohen
- festgelegt noch die Befürchtung vieler Studierender, zukünftig
"Einfachstudiengänge" für viele und Magister-
oder Diplomstudiengänge für wenige angeboten zu bekommen,
als Tagungsthema ausgeklammert werden. Die Tagung richtete sich
vornehmlich an potentielle Teilnehmende aus den Geistes- und Sozialwissenschaften;
zum Zeitpunkt der Tagung war das Interesse am Thema jedoch so verbreitet,
daß auch Interessentinnen und Interessenten aus anderen Wissenschaftsbereichen
an der eintägigen Konferenz im Dezember 1997 teilnahmen.
Der
Vormittag war der Information über verschiedene bereits verwirklichte
Modelle und Ideen zum Thema gewidmet, der Nachmittag der Informationsverarbeitung
in Arbeitsgruppen. Die vier Arbeitsgruppen wurden - ausgehend von
der Annahme, daß die Problematik vorzeitiger Studienabschlüsse
fachspezifisch unterschiedliche Fragen aufwerfen würde - themengleich,
nach Fächergruppen aufgeteilt- angeboten. Wie dem Bericht
aus den Arbeitsgruppen im zweiten Teil dieses Bandes zu entnehmen
ist, hat sich die Annahme auf der Tagung nicht bestätigt. Die
ausgetauschten Argumente und Positionen waren in allen Arbeitsgruppen
so ähnlich, daß die angefertigten Protokolle hier zu
einem Bericht über die Diskussion in den Arbeitsgruppen zusammengefaßt
wird.
Dr.
Jürgen Lüthje (Präsident der Universität
Hamburg und Sprecher des Verbundes Norddeutscher Universitäten)
führte in das Thema der Tagung ein. In seinem Beitrag werden
die am häufigsten geäußerten Argumente für
oder gegen gestufte Studienabschlüsse auf der Folie allgemeiner
hochschulpolitischer Entwicklungen betrachtet.
Wolfgang
Hornig vom Hochschuldidaktischen Zentrum der Universität
Augsburg stellt das Modell eines Baccalaureus in den Fächern
Wirtschaftswissenschaften und Ökonomie der Universität
Augsburg vor. Es ist einer der ersten Baccalaureus-Abschlüsse,
die in der Bundesrepublik ermöglicht wurden (WS 1992/93). Die
Augsburger wirtschaftswissenschaftlichen Diplomstudiengänge
haben eine besonders intensive, allgemein sozialwissenschaftliche
Ausrichtung, der Baccalaureus wird mit dem Vordiplom erworben. Die
Auswertung einer Befragung der ersten 55 Bac.oec.-Absoventen aus
Augsburg läßt Tendenzen über den Stellenwert und
die Akzeptanz des Abschlusses für die Studierenden erkennen.
An
der Universität Leipzig wurden zum WS 1997 erstmalig Master-
und Baccalaureus-Studiengänge mit verschiedenen Modellen angeboten,
die insgesamt zu einer Flexibilität der Studienstrukturen beitragen
sollen. Die Modelle werden vom ehemaligen Prorektor für Studium
und Lehre der Universität Leipzig Prof. Dr. Dr. Günther
Wartenberg vorgestellt und unter der Annahme kritisch diskutiert,
daß eine einfache Übertragung von Abschlußformen
aus dem angelsächsischen System der deutschen Studienwirklichkeit
nicht gerecht wird. Er plädiert dafür, verschiedene Modelle
zu erproben und auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu überprüfen.
Prof.
Dr. Gerd Stratmann (ehemaliger Prorektor der Universität
Bochum und Mitglied des Leitungsgremium des Reformmodells) berichtet
über den 1993 begonnenen Modellversuch zur Neustrukturierung
des Magisterstudiums, in dem u.a. den Studierenden auch Master-
und Baccalaureus-Abschlüsse angeboten werden. Besondere, auf
Tätigkeitsfelder vorbereitende Curricula sollen der Vielzahl
von Studienabbrüchen in den Magisterstudiengängen begegnen.
Die neuen Examina sind in diesem Modell nur ein Charakteristikum
von vielen, mit denen ein Magisterstudiengang optimiert werden soll.
Gerd Stratmann betont die Notwendigkeit, neue Curricula in den Geisteswissenschaften
zu entwickeln, wenn ein Interesse daran besteht, Studierende in
diesen Fächern auch zum Abschluß zu führen. Lediglich
neue Abschlüsse anzubieten, reicht dafür seiner Ansicht
nach nicht aus.
Wolfgang
Körner, der Vorsitzende des zuständigen Unterausschusses
der Kultusministerkonferenz (KMK) und "Koordinator für
Hochschulentwicklung" im niedersächsischen Wissenschaftsministerium,
berichtet über den Stand der Diskussion um Master- und Bachelor-Abschlüsse
in der Kultusministerkonferenz. Die KMK hatte Mitte Dezember 1996
von Bund und Ländern den Auftrag erhalten, einen Bericht zur
"Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit
des Studienstandortes Deutschland" zu erstellen. Die darin
vorgeschlagenen Maßnahmen bilden ein komplexes Bündel,
die Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen darin
eine Komponente unter mehreren. In sieben Thesen werden die zentralen
Maßnahmen vorgestellt und auf dem Hintergrund momentaner Rahmenbedingungen
diskutiert.
Der
Wunsch, die Möglichkeiten und Grenzen gestufter Studienabschlüsse
möglichst konkret zu diskutieren und anhand von Beispielen
belegt zu bekommen, welchen Gewinn Studierende und Lehrende aus
ihnen ziehen könnten, war in den Diskussionen der Arbeitsgruppen
besonders ausgeprägt. Die zum Zeitpunkt der Tagung noch wenigen
Modelle in den Universitäten des Verbundes erhielten dadurch
einen besonders hohen Stellenwert. Die Diskutanten haben sich freundlicherweise
bereit erklärt, ihre Modelle in diesem Band schriftlich
vorzustellen:
Prof.
Dr. Matthias Jantzen und Prof. Dr. Jörg Schönert berichten
über die sog. "kleinen Abschlüsse" in den Fächern
Informatik und Sprachwissenschaften der Universität Hamburg,
in denen Studierende sich weiterhin für den Magister- oder
Diplomstudiengang immatrikulieren, aber die Möglichkeit eines
vorzeitigen Abschlusses eröffnet bekommen. Prof. Dr. Volker
Mellert (Universität Oldenburg) und Dr. Sabine Teichmann (Universität
Rostock) stellen Modelle in den Ingenieurwissenschaften vor, die
sich mit besonderen Curricula an Interessenten und Interessentinnen
wenden, die spezifische praxisorientierte Qualifikationen erwerben
möchten. In den Universitäten Bremen und Rostock wurden
die Diskussionen um die neuen Studienabschlüsse mittels zweier
dafür angefertigter Papiere angestoßen, sie finden sich
im Materialteil des Bandes.
Allen,
die zum Gelingen der Tagung beigetragen haben - Referenten, Moderatorinnen
und Moderatoren der Arbeitsgruppen und den über hundert Teilnehmenden
- sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank geht
an Renate Ruhne, die von Carmen Tschirkov unterstützt, die
Tagung vorbereitet und die Dokumentation betreut hat.
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oben
Jürgen Lüthje
Gestufte Studienabschlüsse-
eine Möglichkeit für Sozial- und Geisteswissenschaften?
Eröffnung der gleichnamigen Tagung des Verbundes Norddeutscher
Universitäten
Gestufte
Studienabschlüsse oder Kurzstudiengänge? Abschlüsse
wie Bachelor oder Baccalaureus, Magister oder Master sind heute
in aller Munde, wenn es darum geht, das Studium an deutschen Universitäten
und Hochschulen neu zu ordnen.
Welche
Probleme sollen damit gelöst werden?
Ein
Drittel der Studierenden trifft im Laufe des Studiums die Lebensentscheidung,
die Universität nach kürzerer Zeit als in den Prüfungsordnungen
vorgesehen zu verlassen und ohne Studienabschluß ins Berufsleben
zu gehen. Das war auch früher durchaus verbreitetet, als ungefähr
5% eines Jahrganges studierten und für die Berufschancen eines
Menschen vielfach die familiäre Herkunft von größerer
Bedeutung war als der Nachweis einer abgeschlossenen Ausbildung.
Diese Rahmenbedingungen haben sich inzwischen gründlich geändert.
Heute studieren weit mehr als 30 % eines Altersjahrganges und formale
Bildungsabschlüsse haben für den Lebensweg der meisten
Menschen eine entscheidende Bedeutung bekommen. Diese für die
berufliche Entwicklung zentrale Bedeutung formaler Bildungsabschlüsse
läßt zum Problem werden, daß diejenigen, die vorzeitig
die Universität verlassen, bei dieser Entscheidung den Verzicht
auf jede Art von Studienabschluß in Kauf nehmen müssen.
Einige Semester studiert zu haben, kann ohne Zweifel ein persönlicher
Gewinn sein. Aber der gesellschaftliche Druck auf junge Menschen,
die in ihre Bildung investierte Zeit und die dabei erbrachten Leistungen
auch durch ein Zeugnis belegen zu können, nimmt ständig
zu.
Etwa
80% aller Staaten ermöglichen jungen Menschen einen ersten
Studienabschluß nach elf oder zwölf Schuljahren und vier
Jahren Studium. Nur in Deutschland verlangen wir nach einer um ein
Jahr längeren dreizehnjährigen Schulzeit weitere mindestens
vier Jahre Studium an einer Universität oder einer anderen
Hochschule.
In
den angelsächsisch geprägten Bildungssystemen wird das
an die Schule anschließende Studium mit dem Bachelor abgeschlossen.
Dieses erste Studium hat eine andere Funktion als das Studium mit
erstem berufsqualifizierenden Abschluß in Deutschland. Es
vermittelt zu einem Teil eine Allgemeinbildung, die bereits unser
Abitur vermittelt, zum anderen eine wissenschaftliche Grundbildung,
die aber für sich noch nicht beansprucht, berufsqualifizierend
zu sein. Nun wissen Sie alle, daß der Bachelor eine große
Vielfalt von Qualifikationsniveaus und Qualifikationstypen umfaßt.
Die Bandbreite reicht von einem Bachelor an einem Community College
oder einer weniger angesehenen Provinzuniversität in den USA
bis zu einem Bachelor an einem besonders guten College oder an einer
besonders angesehenen Universität. Dazwischen kann ein enormes
Qualitäts- und Anspruchsgefälle liegen. Trotzdem hat sich
eine bestimmte Typenvorstellung von der Qualifikation herausgebildet,
die mit diesem Abschluß verbunden ist. Etwa 80 % der
Studierenden verlassen die angelsächsisch geprägten Hochschulsysteme
mit diesem Abschluß. Für etwa 20 bis maximal 30 %
der Studierenden schließt sich daran eine vertiefende, zugleich
wissenschaftliche und berufsqualifizierende Ausbildung in den normalerweise
"Schools" genannten wissenschaftlichen Einrichtungen an.
Sie vermitteln unter sehr guten Studienbedingungen eine anspruchsvolle
wissenschaftliche Qualifikation mit dem Ziel voller Berufsbefähigung.
In
unserer Kombination von Abitur als breit angelegter allgemeinbildender
Qualifikation und einem mindestens auf vier bis fünf Jahre
Regelstudienzeit angelegten berufsqualifizierenden Studium versuchen
wir, diese unterschiedlichen Typen wissenschaftlicher Ausbildung
zu verbinden. Als ersten berufsqualifizierenden Abschluß bezeichnen
wir eine Qualifikation, die dem Master-Degree in angelsächsisch
geprägten Hochschulsystemen gleichwertig ist. Durch die Fächerkombination
ist der erste deutsche Studienabschluß zumeist breiter angelegt,
im einzelnen Fach geht er aber manchmal weniger in die Tiefe als
der angelsächsische Master-Degree. Dieser vereinfachte Vergleich
muß die Differenzierung innerhalb der angelsächsisch
geprägten Hochschulsysteme vernachlässigen.
In
dieser höchst differenzierten Landschaft bewegen wir uns mit
dem deutschen System, das eine eher gleichmäßige Vorstellung
vom Studienziel und der Studiendauer zugrunde legt. Im Universitätsbereich
ist die Norm, an der wir uns mental orientieren, eher fünf
als vier Jahre Regelstudienzeit. Damit verbindet sich ein bestimmter
Qualifikationsanspruch. In vielen Fächern ist ein unterhalb
der Promotion liegender Studienabschluß erst in den 50er und
60er Jahren eingeführt worden. Vorher war die Promotion der
akademische Abschluß in diesen Fächern und es war überhaupt
keine Schande oder Besonderheit, einfach studiert zu haben und ohne
Abschluß in das Berufsleben einzutreten, das dann trotzdem
erfolgversprechende Möglichkeiten bot. Dies hat sich nach der
gesetzlichen Regelung der Hochschulabschlüsse durch Landesgesetze
und schließlich durch das Hochschulrahmengesetz grundlegend
geändert. Das Studium wurde als Ausbildung definiert, die zu
einem berufsqualifizierenden Abschluß führt. Erst dadurch
wurde eine rechtlich zwingende Verbindung zwischen Studium, Studienabschluß
und Berufsqualifikation hergestellt, die ein Studium ohne Abschluß
als Scheitern erscheinen ließ. Als berufsqualifizierende akademische
Studienabschlüsse wurden das in Deutschland erst nach dem Wiederaufbau
des Hochschulsystems in den 50er Jahren über die Ingenieurwissenschaften
hinaus verbreitete Diplom sowie in Anknüpfung an die mittelalterliche
und angelsächsische Universitätstradition der Magister
gesetzlich geregelt. Sie waren damit neben der Promotion und den
traditionellen Staatsprüfungen zum Beispiel für das Lehramt,
für Juristen oder für Mediziner sowie neben der kirchlichen
Prüfung für Theologen die einzigen akademischen Abschlußmöglichkeiten
für ein Studium. In Verbindung mit den im Rahmen einer vereinheitlichenden
Studienreform zwischen den Ländern und den Hochschulen vereinbarten
Rahmenprüfungsordnungen bildete sich damit ein unflexibles
Qualifikations- und Abschlußsystem heraus, das im Gegensatz
zu den Hochschulsystemen anderer Staaten eine Stufung von Abschlußmöglichkeiten
nicht vorsah. Erst durch die Einführung von Fachhochschulen
und die Gründung von Gesamthochschulen wurde eine Abschlußdifferenzierung
eingeführt, die aber im Regelfall an institutionell getrennte
Studiengänge gekoppelt wurden und vor allem auf wenige Fachrichtungen
beschränkt blieben. Denn die weitaus meisten universitären
Fächer werden an Fachhochschulen nicht angeboten.
Nun
beobachten wir in der Wirklichkeit unserer Universitäten, daß
durchschnittlich über alle Fächer hinweg -der Prozentsatz
streut von 80 % bis zu 10%- etwa ein Drittel derjenigen, die ein
Studium beginnen, im Laufe des Studiums die Entscheidung treffen,
früher ins Berufsleben einzutreten. Da unser universitäres
Qualifikationssystem auf dieser Stufe eines akademischen Bildungsweges
keine Abschlußmöglichkeit anbietet, wird dieser Personenkreis
als Studienabbrecher definiert, obwohl wir inzwischen aus Befragungen
wissen, daß es sich zum großen Teil um Menschen handelt,
die sich im Berufsleben mit großem Erfolg bewähren und
die in ihrer Berufstätigkeit von den zwei, drei oder vier Jahren
an der Universität auch ohne Abschluß durchaus profitieren.
Diese 30%-Quote sogenannter Abbrecher wird zudem den Universitäten
als Versagen angelastet, als hätte dieser Personenkreis in
der Universität nichts gelernt. Die Realität ist anders:
dieses Drittel der Studierenden verläßt aufgrund einer
individuell getroffenen Lebensentscheidung die Universität
früher, weil sich die persönlichen Vorstellungen über
die für die berufliche Tätigkeit erforderliche Qualifikation
im Laufe des Studiums verändert haben. Dieses subjektive Recht,
sich nicht auf einen einzigen Standard von wissenschaftlicher Qualifikation
festlegen zu lassen, sondern über die eigene Qualifikation
selbst bestimmen und damit auch entscheiden zu können, wann
der Grad der erworbenen Qualifikation für den Schritt ins Berufsleben
als ausreichend empfunden wird, gehört eigentlich zum Grundrecht
der Ausbildungsfreiheit. Dies zu respektieren, zu akzeptieren und
angemessen zu attestieren, sind wir bisher vom System der Studiengänge
her nicht in der Lage. In einer Gesellschaft, die zunehmend von
formal bestätigten Qualifikationstypen geprägt ist, müssen
wir ein differenzierteres Spektrum wissenschaftlicher Abschlußmöglichkeiten
anbieten.
Im
internationalen wissenschaftlichen Austausch und auf dem zunehmend
internationalisierten Arbeitsmarkt für Hochschulabsolventen
führt die Inkompatibilität der deutschen akademischen
Abschlüsse häufig zu Fehleinschätzungen und Benachteiligungen.
Obwohl in Deutschland der Magister, das Diplom oder die Staatsprüfung
auf einem höheren Niveau angelegt sind als der Bachelor in
den meisten angelsächsisch geprägten Systemen, werden
die deutschen Abschlüsse in diesen Ländern als der erste
Studienabschluß wahrgenommen und deswegen in der weniger informierten
Bewertung durch die Berufswelt und sogar in der besser informierten
akademischen Welt häufig eher dem Bachelor als dem Master zugeordnet.
Daraus ergeben sich Konkurrenz und Anerkennungsprobleme für
die Absolventen unserer Diplom-, Magister- und Staatsprüfungsstudiengänge,
die wir nicht einfach durch Verweis auf den höheren Grad der
Qualifikation beseitigen können. Wir müssen diesen anspruchsvollen
Qualifikationstypus selber anders darstellen.
An
diesem Punkt können dann beide Überlegungen zur gleichen
Konsequenz führen: nämlich zur Notwendigkeit Angebotsmöglichkeiten
für Studierende zu schaffen, die sich früher ins Berufsleben
hineinbegeben wollen, ebenso wie zum Gebot praktischer Klugheit,
unseren anspruchsvolleren Qualifikationsgraden im Ausland die angemessene
Anerkennung zu verschaffen.
Über
die Möglichkeiten, differenzierte Abschlüsse anzubieten,
ist im Rahmen der Studienreform schon lange diskutiert worden. Im
Prinzip haben sich drei Lösungstypen herausgebildet. Es ist
wichtig, die Vor- und Nachteile dieser drei Typen in unserer Diskussion
nicht zu verwischen, sondern sie sehr sorgfältig zu analysieren
und herauszuarbeiten.
Der
weitestreichende Schritt wäre ein echtes Baukasten- oder Modulsystem.
Das Baukastensystem hat die Studienreformdiskussion der 60er und
70er Jahre geprägt und würde voraussetzen, daß wir
nicht mehr in "Curricula" denken, sondern in Qualifikationseinheiten,
Bausteinen oder Modulen, die jeweils begrenzte Qualifikationsziele
abdecken und die Kombination solcher Bausteine oder Module weitgehend
der individuellen Entscheidung der Studierenden über ihren
Qualifikationsprozeß überlassen. Ich halte dies nach
wie vor für eine durchaus faszinierende Vision einer grundlegenden
Studienreform. Allerdings begegnet sie dem Einwand, daß in
einer derart modularisierten Studienkonzeption curriculare Zusammenhänge
und Bezüge zwischen unterschiedlichen Qualifikationselementen
und -zielen möglicherweise nicht mehr in gleicher Weise gesichert
sind, wie dies in curricular aufgebauten Studiengängen der
Fall ist.
Damit
ist bereits die Alternative zum modularen Studienkonzept aufgezeigt:
ein verbindlich normierter Studiengang, der sich an einem spezifischen
Qualifikationsziel orientiert und versucht, den optimalen Weg zu
diesem Qualifikationsziel zu definieren. Dies ist der Typus von
Studiengang, den wir in den 70er und 80er Jahren durch die Rahmenprüfungsordnungen
und die Versuche einer überregionalen Studienreform geprägt
haben. Diesem Konzept des curricular normierten Studiengangs würde
im Falle differenzierter Abschlußmöglichkeiten die Trennung
in einen Kurzstudiengang und einen Langstudiengang sowie die unterschiedliche
Ausgestaltung dieser beiden Studiengänge von Beginn an entsprechen,
möglicherweise mit geregelten Übergängen.
Die
dritte Möglichkeit, die in einigen Gesamthochschulen bereits
praktisch erprobt wurde, besteht darin, im Rahmen eines integrierten,
konsekutiven Studienkonzeptes eine frühere Abschlußmöglichkeit
auf dem Wege zu dem höchstqualifizierenden Abschluß zu
eröffnen. Diese Vorstellung würde die Möglichkeit
schaffen, im Rahmen eines definierten Studienweges Entscheidungen
über besondere Schwerpunkte, aber auch über den Grad der
angestrebten Qualifikationen zu treffen.
Das
Thema dieser Tagung "Gestufte Studienabschlüsse"
liegt näher bei dieser Vorstellung als bei der vollständigen
Modularisierung oder der Trennung von Kurzstudiengängen und
Langstudiengängen. Damit soll aber die Entscheidung zwischen
diesen drei Möglichkeiten nicht eingeengt, sondern eine Leitidee
eingebracht werden, die nach unserer Einschätzung und Diskussion
im Nordverbund offenbar in unseren Universitäten gegenwärtig
am stärksten präferiert wird. In unserer Diskussion in
der Universität Hamburg und im Nordverbund haben wir den Eindruck
gewonnen, daß die Zeit für eine verallgemeinernde und
flächendeckende Entscheidung nicht reif ist. Uns erscheint
es im Augenblick sinnvoller, unterschiedliche Konzepte zu erproben
und erst nach der Erprobung zu entscheiden, welche Konzepte für
welche Fächer besonders geeignet sind. In diesem Vorgehen liegt
ein wichtiger Unterschied zur bisher praktizierten Studienreform,
nämlich der Versuch, angemessene und differenzierte Lösungen
jeweils bezogen auf eine konkrete Fächerkultur zu entwickeln.
Ich will das am Beispiel verdeutlichen: In den juristischen Fächern
ist nach meinem Eindruck im Augenblick nicht die Frage vordringlich,
ob man einen Baccalaureus einführt oder nicht, sondern, ob
es überhaupt neben der juristischen Staatsprüfung als
dem alles dominierenden Abschluß einen akademischen Abschluß
geben sollte, der sich eigenständig neben der Staatsprüfung
behauptet und für sich einen spezifischen Stellenwert beansprucht.
Anders ist die Situation in vielen Geistes- und Kulturwissenschaften;
hier kann es durchaus Sinn machen, im Rahmen eines Magisterstudienganges
mit zwei Hauptfächern oder einem Hauptfach und zwei Nebenfächern
die Möglichkeit zu schaffen, nur eines der Hauptfächer
mit einem Baccalaureus abzuschließen, oder aber auch, gerade
das nicht zu tun, sondern eine Kombination, dann aber auf einem
begrenzteren Anspruchsniveau zu fordern. Alle diese Varianten bedürfen
der Diskussion. Wir sollten uns bei dieser Tagung auf die Suche
begeben, nicht schon am Anfang Gewißheiten verkünden.
Dabei scheint mir besonders wichtig, daß wir das Profil der
Universität im Auge behalten, wie es sich -auch in Abgrenzung
zu den Fachhochschulen- herausgebildet hat und nach meiner Überzeugung
erhalten werden sollte. Der Schwerpunkt der universitären Qualifikation
liegt nach wie vor und sollte nach wie vor liegen auf der wissenschaftlich
theoretischen Grundlegung und der Förderung eines ausgeprägt
eigenständigen
Denk-,
Handlungs- und Arbeitsstils. Im Fachhochschulsystem steht demgegenüber
die unmittelbare Berufs- und Anwendungsqualifikation stärker
im Vordergrund. Universitäten sollten nicht den Versuch machen,
dies zu kopieren. Gerade in der Diskussion über Abschlußmöglichkeiten
nach kürzerer Studienzeit müssen wir überlegen, welche
Möglichkeiten der universitäre Bildungsweg bietet, eine
wissenschaftlichen Grundqualifikation nachzuweisen, auf die dann
eine spezialisierende berufliche Qualifikation in Trainee-Programmen
oder anderen betrieblichen Qualifikationsprogrammen aufbauen kann.
Soweit
meine Anregungen für die Diskussion. Ich habe mich sehr bewußt
in dieser Frage etwas stärker als es bei einer Begrüßung
üblich ist, ins Inhaltliche hineinbegeben, weil mir das Anstoßen
dieser Diskussion im Universitätsbereich ein wirkliches Anliegen
ist. Wir müssen ernst nehmen, wie sich die Studierenden in
unserem System faktisch verhalten. Der Staat und die Hochschulen
haben nicht das Recht an diesem faktischen Verhalten vorbeizugehen
und ein sinnvolles Qualifikationsprofil für diejenigen zu verweigern,
die für sich die Lebensentscheidung treffen, etwa nach drei
Jahren, die Universität verlassen zu wollen.
Ich
wünsche unserer Tagung, daß es uns gelingt, die aufgeworfenen
Fragen möglichst so zu klären, daß jeder und jede
von Ihnen mit neuen Erkenntnissen nach Hause geht.
Wolfgang Hornig
Der Baccalaureus an
der Universität Augsburg
1.
Ausgangslage
Die
1970 gegründete Universität Augsburg folgte in der Wirtschafts-
und Sozialwissenschaftlichen Fakultät dem angelsächsischen
Modell. Praxisnähe sollten die künftigen Wirtschaftsakademiker
durch Problemorientierung in der Ausbildung und sozialwissenschaftliche
wie rechtswissenschaftliche Integration erreichen, denn Führungskräfte
in der Wirtschaft benötigen neben Fachkompetenz auch Sozialkompetenz.
Als didaktische Unterstützung wurde das Kleingruppenkonzept
als vornehmliche Unterrichtsform eingeführt. Dadurch sollte
ein intensiver Dialog gewährleistet, aber auch die kommunikative
Kompetenz gefördert werden.
Das
Studium gliedert sich in ein Grund- und ein Hauptstudium mit Vor-
und Hauptdiplom. Das zweijährige Grundstudium verlangt ein
Pflichtprogramm von 71 SWS. Die wirtschaftswissenschaftlichen Kernfächer
BWL und VWL beanspruchen je 12 SWS. Die Sozioökonomie mit den
Fächern Psychologie und Soziologie kommt auf 12 SWS, ebenso
die Rechtswissenschaft. Statistik ist mit 8 SWS vertreten und die
Propädeutika mit insgesamt 15 SWS.
Ausgangspunkt
unserer Überlegungen, die zur Einführung des Bac.oec.
führten, war die zunehmende Kritik an den Hochschulen Ende
der 80er Jahre.
Bemängelt
wurde:
- die lange
Studiendauer,
- das zu hohe
Alter der Absolventen,
- die Überfüllung
der Hochschulen,
- die zunehmende
Abbruchquote und
- die bedrohte
internationale Wettbewerbsfähigkeit.
2.
Lösungsansätze
Es
bieten sich grundsätzlich 2 Wege an:
- Die Straffung
des Studiums bei grundsätzlicher Beibehaltung des organisatorischen
und inhaltlichen Aufbaus, d.h. Regelstudienzeit.
- Eine partielle
Änderung des inhaltlichen und organisatorischen Aufbaus bei
weitgehender Beibehaltung des Curriculums, d.h. gestufter Studiengang
mit dem Bachelor als erstem Studienabschluß und dem
Master/Diplom als nachfolgendem Abschluß.
Die
Hochschuldiskussion konzentrierte sich vor allem auf den ersten
Weg, die Straffung. Sie hoffte dadurch sowohl die Studiendauer,
das Alter und die Überfüllung in den Griff zu bekommen.
Die
Senkung dieser drei Größen durch Einführung der
Regelstudienzeit blieb bisher ohne wesentlichen Erfolg.
Die
Reduktion auf exemplarische Inhalte scheitert bislang am fehlenden
allgemeinverbindlichen Bewertungsmaßstab. Der Wissenschaftsrat
hat bereits 1986 in seinen Empfehlungen zur Struktur des Studiums
ein Modell gefordert, in dem nur noch Grundlegendes und Wesentliches
vermittelt wird, da die Berufsfertigkeit ohnehin erst mit der Berufstätigkeit
erworben werde. Doch wesentliche Veränderungen haben nicht
stattgefunden. Die Frage, was ist exemplarisch, läßt
sich wohl so leicht nicht in die Tat umsetzen. Aber selbst wenn
die Regelstudienzeit erreichbar wäre, ist sie keine durchgreifende
Maßnahme. So hat die Hochschulrektorenkonferenz festgestellt,
daß durch die Regelstudienzeit bestenfalls eine Senkung der
Studentenzahlen von 1,9 auf 1,6 Millionen stattfindet bei nur 900.000
Studienplätzen.
Bei
der Regelstudienzeit wird zudem außer acht gelassen, daß
sich das Verhalten der Studenten grundlegend geändert hat.
Das Bild vom Studenten, der nach dem Abitur ausschließlich
seinen Studien nachgeht, gehört der Vergangenheit an. Die 14.
Sozialerhebung über die deutsche Studentenschaft von 1995 bestätigt,
daß die Erwerbstätigkeit keine zu vernachlässigende
Größe sondern fester Bestandteil der Studienzeit ist.
Das z.T. höhere Alter der Absolventen als Kritikpunkt gegen
diese zu verwenden, berücksichtigt noch ein weiteres Phänomen,
die Berufsausbildung vor dem Studium, nicht. Im Jahr 1994 hatten
24% der Studierenden vorher eine berufliche Ausbildung absolviert.
Dies ist für den Absolventen nicht etwa schädlich, sondern
beim neuerlichen Berufseintritt sehr hilfreich. Allerdings entspricht
es nicht dem traditionellen Bild des vom Berufsleben unberührten,
weil fleißig lernenden Studenten.
Zur
effektiven Verkürzung der Studienzeit ist deshalb der Bachelor
zwingend notwendig.
Die
Studienabbruchquoten sind ein weiteres Argument.
Zum
Studienabbruch liefert eine HIS-Studie (1995) einige interessante
Daten:
- Die Studienabbruchquote
hat sich von 1974/75 bis 1991/92 auf 31% erhöht und damit
nahezu verdoppelt.
- Die durchschnittliche
Studienzeit bis zum Abbruch ist von 1974/75 bis 1993/94 von 5
auf 6,7 Hochschulsemester angestiegen.
- 52% aller
Studienabbrecher beenden ihr Studium zwischen dem 5. und 13. Semester.
- 52% aller
Studierenden der Fächergruppen BWL und Sozialwissenschaften
beenden ebenfalls ihr Studium zwischen dem 5. und 13. Semester.
- 38 bis 40%
der Fächergruppe BWL und Sozialwissenschaften
befinden sich zum Zeitpunkt des Abbruchs im Studium unmittelbar
vor der Zwischenprüfung bzw. in der Vorstufe zum Examen.
Die
Entwicklung an der WiSo-Fakultät der Universität Augsburg
verläuft nicht so dramatisch, zeigt aber die gleiche Tendenz.
Von 1983 bis 1989 erhöhte sich die Abbruchquote von 9% auf
18%.
Diese
Daten machen deutlich, daß ein hoher Prozentsatz an Studierenden
nach der Zwischenprüfung noch einige Jahre in der Hochschule
verbleibt und diese dann ohne Abschluß verläßt.
Worin
liegen die Gründe? Vertreter der Hochschulen und wissenschaftlichen
Institutionen sahen und sehen darin den Hinweis, daß viele
Studierende die Leistungsanforderungen der Universität nicht
erfüllen können. Sie seien für die Hochschulausbildung
nicht geeignet und tragen nur zur Überfüllung der Hochschulen
bei.
Dagegen
nennen Studierende in der bereits erwähnten HIS-Studie der
Fächergruppen BWL und Sozialwissenschaften am häufigsten
folgende Gründe für den Abbruch:
- 69 bis 78%
erleben eine große Distanz zum Studium, d.h. es ist ihnen
zu theoretisch, abstrakt, weltfremd und ihren Erwartungen nicht
entsprechend.
- 58 bis 66%
geben berufs- und arbeitsbezogene Gründe an. Damit sind positive
Aspekte gemeint, wie der Wunsch nach praktischer Tätigkeit
oder das Angebot eines fachlich interessanten oder finanziell
attraktiven Arbeitsplatzes auch ohne Diplom.
- bis 60% geben
an, daß das Studium zu lang sei bzw. daß die Arbeitsmarktchancen
nach dem Examen schlecht seien.
Diese
Gründe sprechen eindeutig dafür, daß ein erheblicher
Teil der Studierenden nicht so theorieorientiert ist, wie es das
Hauptstudium erwartet. Gestufte Abschlüsse, d.h. der Bachelor
und der Master als akademische Grade sind deshalb dringend erforderlich.
Würde
man Bachelor-Absolventen in den USA oder Großbritannien zu
ihren Vorstellungen über das Master-Studium befragen, dann
würde man ähnliche Argumente gegen die Fortsetzung des
Studiums bekommen. Die Prozentzahlen würden vermutlich noch
deutlicher ausfallen. Wie sonst wäre es zu erklären, daß
über 80% in diesen Ländern die Hochschule mit dem Bachelor
verlassen. Bei uns den Bachelor als ersten Studienabschluß
einzuführen, kann deshalb nicht bedeuten, daß man ihn
für vermeintliche Versager einrichtet. Würde man diese
Überzeugung konsequent anwenden, dann müßte man
alle diejenigen ausländischen Studierenden wieder nach Hause
schicken, die in ihrem Land bereits den Bachelor erreicht haben,
denn man will sich ja nicht mit Abbrechern belasten.
Die
Antwort muß anders lauten, wenn man nach USA und GB blickt,
denn dort verlassen zwischen 80% bis 90% die Universität nach
dem Bachelor. Sind dies alles Abbrecher? Wohl nicht, denn die Wirtschaft
baut erfolgreich auf ihrem Können auf. Berufsqualifizierend
ist also auch ein Bachelor-Studium. Deutsche Diplom-Absolventen
werden diesen Abgängern mangels anderer Abschlüsse gleichgestellt.
Damit
ist der nächste Punkt, die internationale Wettbewerbsfähigkeit
angesprochen. Sie wird sowohl durch das Ausbildungsniveau als
auch durch das Alter der Absolventen bestimmt. Zumindest die Bildungspolitiker
scheinen aber beim internationalen Vergleich nur das Alter im Auge
zu haben. Wie sonst wäre zu erklären, daß anglo-amerikanische
Absolventen angeblich schneller fertig sind, will heißen schneller
mit der Absolvierung des gleichen Pensums. Diese Gleichsetzung ist
nicht zutreffend. Eine internationale Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse
zu erreichen, bedeutet vor allem, Niveaugleichheit herzustellen
und nicht nur Altersgleichheit. Ein Ungleichgewicht in der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit zu Ungunsten unserer Absolventen ergibt
sich nicht durch eine qualitativ schlechtere Ausbildung oder quantitativ
schlechtere Ausbildung, d.h. weniger Stoff pro Zeiteinheit, sondern
durch eine andere Ausbildungsstruktur, die nicht erst
im Studium anfängt sondern bereits in der Schule. In den USA
wird die High School mit 17 Jahren abgeschlossen (U.S. Department
of Education, Center for Education Statistics, in DAAD Studienführer
USA 1996, S. 12). Das Niveau bei Studienanfang entspricht "etwa
dem unserer Gymnasialschüler/innen zu Beginn der Kollegstufe"
(Zapf & Bublitz: Bemerkungen zum deutschen und amerikanischen
Hochschulsystem, Universität Augsburg, Lst. f. Amerikanistik
sowie Lst. f. Englische Sprachwissenschaft, 14.01.1997, S. 3). Die
ersten 4 Semester sind folglich nicht mit unserem Studium, sondern
der Kollegstufe vergleichbar. Dort spielt die Allgemeinbildung,
wie sie in den Fächern unserer 2-jährigen Kollegstufe
angeboten wird, eine zentrale Rolle. "Der Bildungsauftrag des
college hat unterschiedliche, für deutsche Beobachter
überraschende Aspekte; gleichberechtigt stehen nebeneinander:
die educational mission mit Persönlichkeitsbildung,
Sozialisierung innerhalb der eigenen Gruppe (campus) und
als Staatsbürger, sowie die wissenschaftliche (academic)
oder berufliche (professional) Ausbildung. Das fällt
besonders in den ersten beiden Jahren (der lower division
mit dem "freshman" und dem "sophomore
year") auf (DAAD Studienverzeichniss USA, S. 15). Erst
in den folgenden 4 Semestern findet ausschließlich ein Fachstudium
statt. Beim Abgang von der Hochschule mit dem Bachelor erreichen
die Studierenden "ein Ausbildungsniveau, das etwa dem der Zwischenprüfung
an einer deutschen Hochschule entspricht" (Zapf & Bublitz
ebenda). (Siehe folgende Grafiken USA/BRD/GB.)
"Die
kurze Studiendauer mit schnellem Abschluß wird also, das muß
klar festgehalten werden, mit einer deutlich niedrigeren Qualifikation
der Studienabgänger erkauft" (Zapf & Bublitz, ebenda).
Dies ist gesellschaftlich so gewollt. Ob diese Konsequenz, der Bachelor
als das generelle Abschlußniveau, auch bei uns erwünscht
ist, soll hier nicht diskutiert werden.
Aber
die internationale Wettbewerbsfähigkeit erfordert die Einführung
des Bachelor. Nur so wird die fehlende Strukturgleichheit erreicht.
Daß damit auch ein berufsqualifizierender Abschluß erzielt
wird, soll durch die Ergebnisse der Absolventenbefragungen deutlich
werden.
In
Großbritannien wird die Schule mit 18 abgeschlossen. Auch
hier entspricht dies nicht unserem Abiturniveau. Deshalb sind 3
Jahre bis zum Bachelor verständlich, wobei sich das Studium
aber noch auf ein bis zwei Fächer beschränken kann.
Die
bisherigen Ausführungen sollen deutlich machen, warum die WiSo-Fakultät
der Universität Augsburg sich für die Einführung
des Bachelor, zunächst als Modellversuch, entschieden hat.
Er läuft seit dem WS1992/93 und ist zunächst bis 1999
begrenzt. Bezogen auf das Bildungsniveau eines Bachelor-Absolventen
der USA und nicht bezogen auf die Semesterzahl am College wird bei
uns frühestens nach 4 Semestern mit erfolgreich abgeschlossenem
Vordiplom der Bac. oec. vergeben.( S. Grafik: Struktur des WiSo-Studiums)
Struktur
des Grundstudiums der BWL/Ökonomie
|
I.
Pflichtprogramm
|
Universität
Augsburg
|
|
Propädeutika:
|
SWS
|
|
- Buchhaltung
|
3
|
|
- Wirtschaftsmathematik
|
8
|
|
- EDV/Wirtschaftsinformatik
|
4
|
|
Vordiplomfächer:
|
|
|
- BWL
|
12
|
|
- VWL
|
12
|
|
- Sozioökonomie: -
Psychologie
- Soziologie
|
6
6
|
|
- Recht
|
12
|
|
- Statistik
|
8
|
|
Gesamt
|
71
|
Bevor
hier über Ergebnisse unseres Modellversuchs berichtet wird,
soll noch kurz auf die aktuellen Entwürfe zum Hochschulrahmengesetz
und zum Bayerischen Hochschulgesetz eingegangen werden, die weitgehend
deckungsgleich sind. Sie gehen im Gegensatz zu unserem Bachelor-Modell
von 6 bzw. 8 Semestern aus.
- Zur Begründung
der Studiendauer wird stets das angloamerikanische Hochschulsystem
herangezogen. Durch die geplante Studiendauer von mindestens 3
und höchstens 4 Jahren bis zum Bachelor ist aber eine Niveaugleichheit,
wie vorher dargestellt, nicht mehr gegeben.
- Beim Bachelorabschluß
nach 3 oder gar 4 Jahren wird das Ziel der Studienzeitverkürzung
verfehlt. Das Hochschulrahmengesetz läßt allerdings
in §11 auch eine kürzere Studienzeit zu.
- Die Variation
3 bis 4 Jahre bis zum Bachelor und 1 bis 2 Jahre bis zum Master
bei insgesamt maximal 5 Jahren, kann dazu führen, daß
an einer Universität nach 4 Jahren der Bachelor und an einer
anderen nach 4 der Master, wohlgemerkt im selben Fachgebiet, vergeben
werden kann. Damit ist eine bundesweite, geschweige denn internationale
Vergleichbarkeit hinfällig.
- Die Zwischenprüfung
nach 4 Semestern verliert ihren Sinn, wenn kurz darauf noch eine
Bachelor-Prüfung abgelegt werden muß.
3.
Ergebnisse einer Absolventenbefragung
In
der Zeit vom WS 92/93 bis WS 96/97 haben insgesamt 86 Studierende
die Universität mit dem Bac.oec. verlassen. Davon haben sich
bisher 55 an einer schriftlichen Befragung bzw. Einzelinterviews
beteiligt. Die Auswertung der bisherigen Befragung liefert eine
Vielzahl wichtiger Ergebnisse, die im folgenden dargestellt werden.
3.1 Motivation
für den Bac.oec.-Abschluß
Die
schriftliche Befragung und Einzelinterviews ergaben 6 Antwortfelder:(S.Tab.1)
1. Praxisorientierung:
Die
Studierenden glauben, mit der Basisqualifikation für die Praxis
gerüstet zu sein. Die Veranstaltungen nach dem Vordiplom werden
als zu theoretisch hinsichtlich der eigenen Berufsvorstellungen
erlebt.
2.
Attraktives Stellenangebot
Angebot
eines Arbeitgebers i.d.R. im Anschluß an ein Praktikum oder
eine Tätigkeit als Werkstudent.
3.
Zweitstudium
Man
erhoffte sich durch den Bac.oec. mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt
als nur mit Zusatzqualifikationen. Der Bac.oec. war entweder Erst-
oder Zweitstudium, d.h. vor oder nach so unterschiedlichen Studien
wie Sprachen, Pädagogik, Kunstgeschichte, Touristik, Jura,
Maschinenbau, Nachrichtentechnik, Informatik, Grafik-Design wurde
ein zweijähriges WiSo-Studium absolviert.
4.
Auslandsstudium
Die
Absolventen haben ihr Studium im Ausland fortgesetzt und mit dem
MA oder MBA abgeschlossen. Gewählt wurden die Länder USA,
Kanada, Australien, England, Spanien und die Schweiz.
5.
Private Gründe
Der
erste Studienabschluß nach zwei Jahren verbessert die Chancen
der Studierenden, Studium und Privatleben in Einklang zu bringen.
In die Studienzeit fällt zunehmend die Phase der Bindung an
einen Partner und die Familiengründung. So verdoppelte sich
laut 14. Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks die Zahl derer
mit festem Partner von 1992 bis 1995 auf 48%. Die Zahl der Verheirateten
blieb mit knapp 8% annähernd stabil. So bedeutete die Familiengründung
nicht zwangsläufig den Abbruch des Studiums ohne Abschluß.
6.
Bac.oec. nach einer Berufsausbildung
Der
Bac.oec. stand als Ziel fest. Die akademische Ausbildung nach einer
Lehre sollte und kann die Aufstiegschancen verbessern. Diese Kategorie
ist in der ersten mit enthalten. Deshalb wird darauf noch gesondert
eingegangen (s. dazu auch Tabelle 2).
Tabelle 1: Entscheidungsgründe
für den Bac.oec.-Abschluß (Mehrfachnennungen)
|
Entscheidungsgründe
|
Anzahl
|
Prozent
|
|
Fortsetzung
des Studiums entsprach nicht mehr den Vorstellungen
|
22
|
32
|
|
Stellenangebot
|
13
|
19
|
|
Selbständigkeit
|
6
|
9
|
|
Bac.oec.
-
als Zweitstudium
-
mit nachfolgendem Zweitstudium
|
5
8
|
7
12
|
|
Studienfortsetzung
im Ausland
|
9
|
13
|
|
Private
Gründe
|
5
|
7
|
| |
68
|
100
|
3.2 Werdegang zwischen Abitur und Bac.oec.
Wie
bereits erwähnt, nimmt der Anteil derer, die nach dem Abitur
nicht unmittelbar ein Studium beginnen, sondern erst eine Berufsausbildung
absolvieren, zu. Im Jahr 1994 waren es bundesweit 24% der Studierenden.
Bei den Bac.oec.-Absolventen liegt dieser Anteil mit 49% noch deutlich
höher. Der Bac.oec. wird aber auch als Ergänzung zu einem
anderen Studium genutzt, insbesondere von den Studierenden, die
ein auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbares Studium haben, wie
z.B. Geisteswissenschaften.
Tabelle
2: Werdegang zwischen Abitur und Bac.oec.
| |
Anzahl
|
Prozent
|
|
Lehre
davon
Studentinnen
Studenten
|
27
14
13
|
49
25
24
|
|
Bac.oec.
als Zweitstudium
|
5
|
9
|
|
Nur
WiSo-Studium
|
23
|
42
|
| |
55
|
100
|
3.3
Studiendaten
Zur
Prüfung möglicher Besonderheiten der Bac.oec.-Absolventen
wurden die Studiendauer und die Vordiplomnote herangezogen. Sie
unterscheiden sich im Untersuchungszeitraum von der Gesamtheit der
Studierenden nur geringfügig.
In
beiden Gruppen schließt nur ein kleiner Teil nach dem 4. Semester
ab. Den Schwerpunkt bilden das 5. und 6. Semester.
Im
Notendurchschnitt unterscheiden sich beide Gruppen ebenfalls nur
geringfügig, d.h. er liegt insgesamt bei 3,06 und für
die Bac.oec.-Absolventen bei 3,25. Die beste Note insgesamt erreicht
den Wert 1,33 gegenüber 1,74 bei den Bac.oec.-Absolventen.
Die
Vermutung, daß der Bac.oec. eine Notlösung darstellt,
läßt sich aus diesen Zahlen ebensowenig ableiten wie
aus den Interviews und der schriftlichen Befragung.
3.4
Berufsqualifikation und Berufsrealität
Die
Absolventen lassen sich in 4 Kategorien einteilen: Berufstätigkeit,
Zweitstudium, Auslandsstudium, Lehre. Die Mehrzahl übt eine
Berufstätigkeit aus. Bis auf vier Personen, die zwischen 2
und 8 Monaten eine Anstellung suchten, hatten alle Absolventen unmittelbar
nach Beendigung des Studiums einen Arbeitsplatz gefunden oder sich
selbständig gemacht.
Dies
ist eine erste Bestätigung dafür, daß der Bachelor
als berufsqualifizierender Abschluß zu werten ist.
Tabelle
3: Werdegang nach dem Bac.oec.-Abschluß
| |
Anzahl
|
Prozent
|
|
Berufstätigkeit
|
33
|
60
|
|
davon
Angestelltentätigkeit
Selbständigkeit
|
27
6
|
49
11
|
|
Zweitstudium
|
8
|
15
|
|
Auslandsstudium
|
8
|
15
|
|
Lehre
|
5
|
9
|
|
Familiengründung
|
1
|
1
|
| |
55
|
100
|
Noch
deutlicher wird die Frage der berufsqualifizierenden Ausbildung
durch die folgende Statistik beantwortet.
Von
Interesse war für uns auch die Frage, welchen Ausbildungsabschluß
der Stellenvorgänger hatte. Die Ergebnisse zeigen unterschiedlichste
Ausbildungsabschlüsse wie Universitätsstudium, Fachhochschulstudium,
Berufsakademie und Lehre (s. Tabelle 4).
Tabelle
4: Ausbildungsabschluß des Stellenvorgängers
| |
Anzahl
|
Prozent
|
|
Universitätsstudium
Fachhochschulstudium
Berufsakademie
Lehre
Selbständig
Stelle
neu geschaffen
Sonstiges
(Auslands-/Zweitstudium)
keine
Angabe
|
10
1
4
6
4
12
9
9
|
18
2
7
11
7
22
16
16
|
| |
55
|
100
|
Die
Kategorien Universitätsstudium (mit Diplom) und Stelle
neu geschaffen, zusammen 40%, zeigen, daß berufliche Anforderungen
existieren, die bisher nicht adäquat mit einem Hochschulabschluß
korrespondieren.
Die
Arbeitgeber sind weitgehend offen für den Bachelor. Das bestätigte
uns schon eine Studie, die wir 1993 bei Unternehmen in der Region
Augsburg durchgeführt haben. Dabei zeigte sich, daß 40%
diesen Abschluß als eine sinnvolle Ergänzung der Hochschulabschlüsse
ansahen. Auch die Arbeitgeber sehen also im Bac.oec. einen berufsqualifizierenden
Abschluß. Nur 15% waren der Meinung, daß erst im Hauptstudium
ein für den Berufseinstieg relevantes Wissen vermittelt wird.
Dementsprechend waren auch nur 30% der Ansicht, daß ein Wirtschaftswissenschaftler
ein Diplom als Abschluß besitzen müßte. Die Größe
der befragen Unternehmen streute von weniger als 10 bis über
1.000 Mitarbeitern.
Auch
die nächste Frage nach den potentiellen Berufsfeldern sagt
etwas über den Stellenwert des Bachelor aus. Nur bei einem
breiten Basiswissen sind die unterschiedlichsten Branchen als Einsatzbereiche
zu erwarten. Die Branchen, in welchen Bac.oec.-Absolventen vertreten
sind, erstrecken sich von Banken über Versicherungen, Dienstleistungsunternehmen,
Industriebetriebe, Handel und Presse bis zum Verband.
Erwartungsgemäß
ist die Anfangsposition in der Regel die eines Sachbearbeiters,
Assistenten u.ä.. Es wurden aber durchweg Aufstiegsmöglichkeiten
in Führungspositionen angegeben bzw. schon realisiert, die
von Hochschulabsolventen mit Diplom erreicht werden. In der teilweise
über dreijährigen Berufserfahrung finden sich deshalb
auch Absolventen in leitender Funktion vom Projektmanager über
Abteilungsleiter bis zum Geschäftsführer. Die Absolventen
sind in folgenden Branchen tätig.
Tabelle
5: Berufstätigkeit nach Branchen sortiert
|
Branche
|
Anzahl
|
Prozent
|
|
Banken
u. Versicherung
Dienstleistung
(Wirtschaftsberatung, EDV, Energieversorgung, Hotel)
Industrie
(Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie)
Handel
Presse/Verlag
Verband
Sonstiges
(Zweit-/Auslandsstudium, keine Angabe etc.)
|
10
14
4
8
3
1
15
|
18
26
7
15
6
1
27
|
| |
55
|
100
|
Den
Bac.oec.-Absolventen steht also ein breites Berufsfeld offen.
Aufgrund
der unterschiedlichen Branchen streuen erwartungsgemäß
auch die fachlichen Anforderungen sehr stark. Dennoch kann festgehalten
werden, daß die im Grundstudium erworbenen Fachkenntnisse
zu BWL, VWL, Soziologie/Psychologie, Mathematik/Statistik und Recht
als wichtige und notwendige Bereiche bestätigt werden (vgl.
Tabelle 6).
Tabelle
6: Welche im Studium erworbenen Fachkenntnisse sind für
Ihre Arbeit besonders wichtig?
|
Wesentliche
Fachkenntnisse
|
Anzahl
|
Prozent
|
|
BWL
VWL
Soziologie/Psychologie
Mathematik/Statistik
Buchhaltung
Kostenrechnung
Recht
Marketing
Sonstiges
|
14
10
9
8
8
8
6
6
14
|
17
12
10
10
10
10
7
7
17
|
| |
83
|
100
|
3.5
Erwartungen an ein Bac.oec.-Studium
Welche
Fähigkeiten sollen im Studium stärker gefördert werden?
Auf dem Hintergrund ihrer Berufserfahrung bestätigen die Absolventen
das fachliche Angebot. Für ihren beruflichen Erfolg sind aber
noch diverse extrafunktionale Fähigkeiten von Bedeutung, die
im Studium stärker gefördert werden könnten. Im einzelnen
wurden folgende Fähigkeitsbereiche genannt:
1.
Fremdsprachenkenntnisse
Diese
können von der Fakultät gefördert werden, sind aber
weitgehend der Initiative der Studenten zu überlassen.
2.
Kommunikationsfähigkeit
Hier
fehlt ein systematisches Angebot.
3.
Initiative
Dieser
Aspekt könnte im Grundstudium stärker gefördert werden,
wenn dem selbständigen Arbeiten mehr Raum gegeben würde.
4. Team- und Kooperationsfähigkeit
Damit
sprechen sie sich verstärkt für aktive Unterrichtsformen
wie das Augsburger Kleingruppenkonzept aus, das durch die Überlast
und Mittelkürzungen stark zurückgedrängt wurde.
5.
Organisationsfähigkeit
Kontraproduktiv
sehen die Absolventen dazu das stark verschulte Grundstudium. Das
selbständige Arbeiten sollte stärker gefördert werden,
z.B. durch Hausarbeiten u.ä.
6.
Schriftliche und mündliche Ausdrucksfähigkeit
Sie
schlagen deshalb die Einführung einer schriftlichen Arbeit,
die als Abschlußarbeit gelten könnte, und die Einführung
von Referaten vor (vgl. Tabelle 7).
Tabelle
7: Welche außerfachlichen Fähigkeiten werden von
Ihnen gefordert?
|
Anforderungsbereiche
|
Anzahl
|
Prozent
|
|
Sprachen
Kommunikationsfähigkeit
Soziale
Kompetenz
Initiative
Teamarbeit
Analysevermögen
Zeitmanagement
Organisationsfähigkeit
Flexibilität
Ausdauer/Belastbarkeit
Präsentationstechnik
Mitarbeiterführung
Sonstiges
|
13
10
9
9
8
6
5
5
5
5
5
5
10
|
14
11
10
10
8
6
5
5
5
5
5
5
11
|
| |
95
|
100
|
4.
Zusammenfassung und Perspektiven
Insgesamt
bestätigen die bisherigen Daten, daß die Universität
Augsburg sich mit dem Bac.oec. als erstem akademischen Abschluß
auf dem richtigen Weg befindet.
- Die Absolventen
sind jünger und können damit früher in die Berufswelt
wechseln.
- Sie fördern
den internationalen Austausch durch Fortsetzung des Studiums im
Ausland.
- Der Bachelor
reduziert die Abbrecherquote durch die interessengesteuerte Wahl
des Studienabschlusses.
- Das 2-jährige
Bachelorstudium erhöht die Wettbewerbsfähigkeit des
deutschen Hochschulsystems durch eine Strukturangleichung an das
angloamerikanische System.
- Das 2-jährige
Bachelorstudium führt zu einem berufsqualifizierenden Abschluß
mit einer breiten Anwendungspalette.
- Die Absolventen
bestätigen die Bedeutung und Notwendigkeit der erworbenen
Fachkenntnisse.
- Ihre Anregungen
zur Gestaltung des Bachelorstudiums betreffen nicht die fachlichen
Aspekte.
- Sie wünschen
sich eine Förderung im extrafunktionalen Bereich wie z.B.
Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, verbale Ausdrucksfähigkeit
etc.
Dennoch
sollte dies eine inhaltliche Überprüfung des Grundstudiums
durch die Fakultät nicht ausschließen, ohne aber die
Studiendauer zu verlängern.
Ein
neuer Aspekt zum gestuften Modell muß noch erwähnt werden.
Ein nicht unerheblicher Teil der von uns befragten Bachelor-Absolventen
nutzt den Bachelor nicht als gestuftes sondern als additives Modell,
z.B. indem geisteswissenschaftliche Ausbildung, Informatik, Jura
oder Maschinenbau mit dem Bac.oec. kombiniert wird. Ziel ist es,
damit die eigenen Berufschancen zu erhöhen. Ein legitimes Verhalten,
das durch die Verlängerung des Bachelorstudiums unmöglich
gemacht würde.
Diese
Form der Modularisierung sollte als Option offen gehalten werden,
denn der Einzelne kann schneller auf sich ändernde Berufsanforderungen
reagieren als eine Ausbildungsinstitution mit ihren zahllosen Gremien.
Zudem wird damit der Interessenstruktur der Studierenden, die nicht
immer deckungsgleich sein muß mit Studiengängen, besser
entsprochen.
Günther Wartenberg
Die Einführung
von Master- und Baccalaureus-Studiengängen an der Universität
Leipzig
Sehr
verehrte Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,
zunächst
möchte ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanken,
zu Ihnen über die Bemühungen unserer Universität
zu berichten, durch die Einführung von Baccalaureus-Studiengängen
zu einer Flexibilisierung der Studienstruktur zu kommen. Vieles,
was ich Ihnen jetzt vortrage, ist das Ergebnis interner Überlegungen
innerhalb der Universität und damit der Ertrag von Vorarbeiten
in den Fakultäten und der beteiligten Fächer. Für
Sachsen gibt es eine wichtige Voraussetzung. Das Sächsische
Hochschulgesetz vom 4. August 1993 räumt in §35, 2 bereits
die Möglichkeit ein, den Grad des Baccalaureus zu verleihen.
Es heißt dort, in vom Ministerium "zu genehmigenden Ordnungen
können die Hochschulen für bestimmte Studiengänge
festlegen, unter welchen Voraussetzungen der Grad des Baccalaureus
verliehen wird, sofern der Student mindestens 6 Semester studiert
und entsprechende Prüfungsleistungen erbracht hat". Damit sind
die Rahmenbedingungen zum Teil schon bestimmt: 6 Semester und spezifische
Prüfungsleistungen. Offen bleibt allerdings in dieser Festlegung
von 1993, ob der Grad des Baccalaureus innerhalb eines bestehenden
Studienganges verliehen oder ob ein eigener Baccalaureus-Studiengang
strukturiert werden soll. Diese vom Sächsischen Hochschulgesetz
eingeräumte Möglichkeit ist zunächst wenig beachtet
worden, aber dafür liegen die Gründe auf der Hand. Die
Integration des ostdeutschen Hochschulwesens in das der alten Bundesrepublik
ab 1990 brachte u. a. nicht nur für alle Studiengänge
neue Ordnungen, sondern auch für uns die Neueinführung
des Magisterstudiums und der zweiphasigen Ausbildung zum Lehramt.
Die allgemeine Diskussion um die mögliche Rolle von Bachelor
und Master im deutschen Hochschulwesen führten dann ab Herbst
1996 zu neuen Überlegungen in einzelnen Fakultäten, die
noch nicht abgeschlossen sind, aber - wie ich glaube - bereits zu
wichtigen Ergebnissen geführt haben.
Die
Universität Leipzig hat zum 1. Oktober 1997 und damit zum Wintersemester
1997/98 erstmalig Studenten in zwei Baccalaureus-Studiengänge
immatrikuliert. Allerdings ist das Genehmigungsverfahren der Prüfungsordnungen
und das Anzeigeverfahren für die Studienordnungen noch nicht
ganz abgeschlossen, da es eine sehr intensive Diskussion mit dem
Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gibt.
Neben den Baccalaureus-Studiengängen Philosophie und Klassische
Kultur und Geschichte konnte auch mit einem International Physic
Studies Program begonnen werden. Dieser Physikstudiengang ist heute
zu vernachlässigen, weil wir uns um die Geistes- und Sozialwissenschaften
bemühen möchten und er zu einem Pilotprogramm auslandsorientierter
Studiengänge des DAAD und der HRK gehört. Es handelt sich
um ein englisch-sprachiges Vollstudium mit dem
Master
of Science und dem Bachelor of Science. Ich erwähne aber trotzdem
diese Studienform, weil meines Erachtens eigentlich nur so eine
sinnvolle Integration anglo-amerikanischer Abschlüsse in das
deutsche System möglich erscheint.
Das
Nachdenken im Fach Philosophie war mit grundlegenden Überlegungen
für einen Studiengang mit dem Abschluß Baccalaureat nach
dem 3. Studienjahr verbunden. Ich spreche immer bewußt vom
Baccalaureus, um mich abzugrenzen von allem, was über Bachelor
und Master gesagt wird. Die Absicht der Universität Leipzig,
eine Gesamtrahmenprüfungsordnung für das Baccalaureat,
ähnlich der Allgemeinen Magisterprüfungsordnung, zu erarbeiten
und zu verabschieden, scheiterte bisher aus Zeitgründen und
am Gesprächsbedarf unseres Ministeriums. Eine solche Rahmenordnung
wäre dann nur noch durch Anlagen für die einzelnen Fächer
zu ergänzen und würde viel Arbeit ersparen. Ausgangspunkt
wären dabei die größere Flexibilität, die notwendige
Strukturierung und die Vergleichbarkeit mit ähnlichen Studiengängen.
Nach
sechs Semestern kann in der Philosophie der akademische Grad Baccalaureus
erworben werden und/oder nach einer bestandenen Prüfung die
akademische Ausbildung im Rahmen eines Magisterstudienganges fortgesetzt
werden. Der Baccalaureus-Studiengang wird in die Struktur des bestehenden
Magisterstudienganges eingeordnet. Langfristig sollte aber der Baccalaureus
die Vorstufe zu Magister und der erfolgreiche Abschluß des
Baccalaureus Zulassungsvoraussetzung für einen dann veränderten
und neu konzipierten Magisterstudiengang werden. Das Grundstudium
des Baccalaureus-Studienganges Philosophie wird in vier Semestern
absolviert, zur Zeit noch analog dem Magisterstudiengang studiert
und mit einer Zwischenprüfung ausgestattet, die identisch -
das sollten wir ganz klar sagen - mit der Zwischenprüfung ist,
die im Magisterstudiengang abgelegt wird. Philosophie wird im 5.
und 6. Semester zum Schwerpunktfach, zum "major-subject", in
dem dann allein die Baccalaureus-Abschlußprüfung abgelegt
wird.
Es
können zwei Hauptfächer oder ein Hauptfach und zwei Nebenfächer
entsprechend der Magisterprüfungsordnung gewählt werden.
Die Wahl von zwei Hauptfächern ergibt für die Studierenden
allerdings eine größere Flexibilität nach der Zwischenprüfung
und erleichtert die Fortsetzung im Magisterstudium. In den eigentlichen
Baccalaureus-Semestern, also im 5. und 6. Semester, wird die Gewichtung
zwischen den Hauptfächern bzw. Hauptfach und Nebenfächern,
wie sie im Grundstudium erfolgte, aufgegeben. Es wird nur noch das
Baccalaureus-Schwerpunktfach mit Baccalaureus-Begleitfach oder Begleitfächern
studiert. Die Benennung Schwerpunkt- und Begleitfach wurde bewußt
gewählt, um die Spezifik des Baccalaureus zu verdeutlichen.
Das Ministerium möchte bei Haupt- und Nebenfach bleiben. Dieses
Problem ist noch nicht ganz geklärt. Das Schwerpunktfach soll
mit 30 bzw. 28 SWS und das Begleitfach oder die Begleitfächer
mit 10 bzw. 8 SWS studiert werden. Die Baccalaureatsprüfung
besteht aus einer 30minütigen mündlichen Prüfung
sowie schriftlichen Abschlußleistungen. Diese können
auch teilweise studienbegleitend erfolgen. Streitpunkte mit dem
Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst waren
vor allem die Strukturierung in ein Schwerpunktfach und zwei Begleitfächer
- das Ministerium trat für ein Begleitfach ein - und eine mögliche
Abschlußarbeit, auf die das Ministerium sehr großen
Wert gelegt hat. Die Schwierigkeit liegt darin, daß keine
Arbeit geschrieben werden kann, die als äquivalent zu einer
Magisterarbeit denkbar ist. Einmal ist es die Frage, ob die Studienstruktur
des 5. und 6. Semesters überhaupt eine solche Leistung zuläßt,
zum anderen würde eine größere Arbeit vor allem
studienverlängernd wirken. Wir haben uns verständigt,
daß eine Abschlußarbeit mit mindestens 20 Seiten als
Pflichtleistung vorgesehen wird.
Wegen
der zur Zeit klaren Festlegung des Ministeriums, Baccalaureus-Studiengänge
nur integrativ in einem Magister-Studiengang vorzusehen, wird es
sicher weiterer Diskussionen bedürfen oder anderer politischer
Weichenstellungen, um hier Änderungen vorzunehmen, die uns
wichtig erscheinen. Der Übergang oder die Rückkehr in
das Magister-Studium kann ohne Schwierigkeiten erfolgen und erfordert
allein Entscheidungen der beteiligten Prüfungsausschüsse.
Dem
Studiengang Klassische Kultur und Geschichte mit dem Abschluß
Baccalaureus liegt eine andere Grundstruktur zugrunde. Er ist nicht
integral angelegt, sondern modular aus den Fächern Alte Geschichte,
Klassische Archäologie und Geschichtsdidaktik zusammengesetzt.
Diese sind zugleich Schwerpunkte in diesem Studiengang. Alte Geschichte
soll sich vor allem auf antike Kulturen und Zivilisationen, Entstehung
von Verfassungen und politische Geschichte der Antike konzentrieren,
die Klassische Archäologie auf griechische und römische
Kunst und die Geschichtsdidaktik auf didaktische Theorien und Vermittlungspraxis
und Geschichtskultur. An einer Einbeziehung der Klassischen Philologie
wird gearbeitet. Es soll auch die Möglichkeit geben, weitergehende
Kenntnisse in Griechisch und Latein zu erwerben, daß heißt
also eine sehr gute sprachliche Qualifikation innerhalb dieses Baccalaureus-Studienganges.
Grundsätzlich ist hier ebenfalls ein Weiterstudium im Magisterstudium
vorgesehen, was aber für den Schwerpunkt Geschichtsdidaktik
Schwierigkeiten bereitet, da es dafür kein Äquivalent
im Magisterstudiengang gibt. Die modulare, mehrere Fächer einbeziehende
und zu einem Abschluß, der nicht im Magisterstudiengang vorgesehen
ist, führende Grundstruktur, ergibt Schwierigkeiten bei der
Zwischenprüfung. Für diese Variante müßte eine
eigene Baccalaureus-Zwischenprüfung konstruiert und erarbeitet
werden. Auch ist hier eine veränderte Zielgruppe deutlich erkennbar
gegenüber der, die das Magisterstudium in den vergleichbaren
Fächern aufnehmen würde. Bisher hat sich das Ministerium
zunächst nur entschlossen, einer Erprobung über zwei Jahre
zuzustimmen, etwas halbherzig, denn eigentlich müßten
es mindestens drei Jahre sein. Aber der Freistaat Sachsen möchte
zu den Ländern zu gehören, die das Baccalaureat grundsätzlich
in das Magisterstudium integrativ einbauen. Eine zwar nachvollziehbare
aber durchaus kurzsichtige Entscheidung, denn die unterschiedlichen
Modelle bedürfen der Erprobung und müssen auf ihre Machbarkeit
geprüft werden. Dazu benötigt man mindestens sechs Semester,
wenn nicht gar noch mehr, wenn wir noch die Reaktion in der Berufspraxis
berücksichtigen und dadurch Erfolg oder Mißerfolg des
Baccalaureats feststellen wollen.
Bei
diesen beiden Beispielen dürfte deutlich geworden sein, daß
es in keiner Weise um eine Übertragung von Abschlußformen
aus dem angelsächsischen Bereich gehen kann. Damit leisten
wir überhaupt nichts, wir verunsichern nur die Studierenden.
Das Urteil über das deutsche Hochschulwesen würde sich
nicht verbessern, sondern nur verschlechtern. Eine Übertragung
wäre nur in einer Radikalreform des gesamten Bildungswesens,
auch der Schule, möglich, die keiner ernsthaft wollen kann
und zur Zeit will. Es geht also nicht um eine Integration von Bachelor
und Master, sondern um eine wohl überlegte Mehrphasigkeit akademischer
Bildung, die durch mehrere Stufen sowohl Erfahrungen im Ausland
berücksichtigt als auch die internationalen Übergangsmöglichkeiten
verbessert. Dabei sollten noch Erfahrungen für die einzelnen
Formen gesammelt und keine Uniformität angestrebt werden. Die
Universitäten müssen Entscheidungsmöglichkeiten erhalten.
Die ministerielle Bürokratie darf kein Modell vorgeben, wie
es zur Zeit von Dresden aus erfolgt. Dafür sind wir in der
Tat noch für einige Zeit in der Erprobungsphase. Außerdem
sollte die reale Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft
abgewartet werden, die verbale ist ja schon vorhanden, aber die
reicht meines Erachtens nicht aus.
Neben
dem integralen Baccalaureus in einem Hauptfach des Magister-Studienganges,
Übereinstimmung von Magister- und Baccalaureus-Studium bis
zur Zwischenprüfung, kann der Baccalaureus auch für eine
Vertiefungsrichtung stehen. Und das ist für mich ein drittes
Modell, in dem versucht wird, die Vertiefungsrichtung eines Studienganges
so zu entwickeln, daß sie zu einem Baccalaureus-Abschluß
führt, für den es in der bisherigen Struktur keinen vergleichbaren
Abschluß gegeben hat und der von der Personalsituation im
Magister- oder Diplomstudium nicht möglich ist. Für diesen
Fall sind erst Vorüberlegungen erfolgt. Der Senat der Universität
Leipzig hat jedoch zugestimmt, einen Baccalaureus-Studiengang im
Bereich Public Relation innerhalb des Instituts für Kommunikations-
und Medienwissenschaft vorzubereiten.
Nicht
so einfach wird ein vom 1. Studienjahr an modular ausgestalteter
Baccalaureus-Studiengang anzubieten sein, der Lehrangebote zu einem
eigenen Abschluß benötigt, auf den nicht in jedem Fall
sofort aufgebaut werden kann. Das ist das von mir vorgestellte zweite
Modell. Die Hauptschwierigkeit wird dabei sein, daß man eigentlich,
wenn man ehrlich ist, Sonderangebote in der Lehre für diese
Klientel braucht, die diesen Baccalaureus-Studiengang studiert und
sich dieser besonderen Ausbildung unterzieht. Alles andere ist Augenwischerei.
Eine
weitere Hauptschwierigkeit sehe ich, daß ein Baccalaureus,
also ein "deutscher Bachelor", nicht einfach eine Teilmenge
eines umfangreicheren Studiengangs sein kann, sondern trotz aller
Verzahnung einen eigenständigen Abschluß mit anderen
Schwerpunkten ist, demnach kein kleiner Magister oder Teildiplom,
schon gar nicht die Abgangsbescheinigung für Studienabbrecher.
Wir haben vielmehr der Veränderung des Arbeitsmarktes Rechnung
zu tragen und der Tatsache, daß nicht jeder Studierende an
einer verdichteten akademischen Kompetenz interessiert ist. Zu fragen
ist, inwieweit zu einer fachlichen Grundkompetenz disziplinübergreifende
Ausbildungsformen verstärkt gefragt sind. Ich brauche diese
nicht zu wiederholen, Herr Hornig hat sie Ihnen vorhin als wünschenswerte
Zusätze sehr übersichtlich dargestellt. Dazu gehört
ebenfalls die Bereitschaft zur Weiterbildung. Damit könnte
ein Segment des Arbeitsmarktes bedient werden, das nicht unbedingt
Absolventen von Fachhochschulen aufnimmt. Die Baccalaureus-Ausbildung
kann nicht im Sparverfahren erfolgen. Zusätzliche Lehrangebote,
die sich vor allem aus der erwähnten anderen Kompetenz für
die Studierenden ergeben, sind erforderlich. Das gilt gleichfalls
für Studienberatung und Studienbegleitung, nicht zuletzt für
eine tutoriale Betreuung. Hier sollten wir uns nichts vormachen.
Der Baccalaureus muß langfristig als erster berufsqualifizierender
Abschluß und als Grundlage für eine weitere akademische
Qualifizierung ernst genommen werden. Er ist keine Ausbildung und
kein Studium in kürzerer Zeit. Er ist eine spezifische akademische
Vermittlungsform sui generis. So ist auch die Sorge, durch den Baccalaureus
könnten die Regelstudienzeiten weiter gedrückt werden,
eigentlich unangemessen und geht meines Erachtens an der Sache vorbei.
Der Baccalaureus eröffnet die Chance, längerfristig die
universitäre akademische Ausbildung so zu reformieren, daß
sich eine größere Beweglichkeit ergibt, daß strukturelle
Bewegung in die verkrusteten Studienstrukturen kommt. Das sollte
noch angemerkt werden, wir haben in den ostdeutschen Universitäten
sehr intensiv in den letzten 7/8 Jahren Strukturen verändert
und neue geschaffen. Wir stehen jetzt vor der Frage, war es überhaupt
in jedem Fall richtig, was wir 1990 und 1991 getan haben. So könnte
der Baccalaureus die Voraussetzung für die Aufnahme in einen
Magister-Studiengang ab dem 4. Studienjahr sein. Magister-Studiengänge
würden dann nicht mehr parallel zum Baccalaureus verlaufen,
sondern wären der nächsthöhere Abschluß, für
den der Baccalaureus eine Zulassungsvoraussetzung ist. So würde
sich an den 3jährigen Baccalaureus-Studiengang ein 2jähriger
Magister-Studiengang anschließen, was auch die Magister-Abschlußprüfung
verändern und aufwerten würde. Wir haben die Erfahrung
gemacht, daß Qualität und Umfang der Magister-Abschlußprüfung
oft nicht befriedigen. Unter diesen Gesichtspunkten könnte
der Magister längerfristig einen Abschluß auf dem Weg
zur Promotion darstellen. Der Magister-Studiengang sollte sich daher
auf eine breite Ausbildung konzentrieren, welche die analytischen,
schriftlichen und argumentativen Fähigkeiten schult und fächerübergreifende
und allgemeinbildende Teile betont. Die eigentliche, mit wissenschaftlicher
Forschung verbundene Lehre würde sich damit auf den Magister-Studiengang
verlagern und könnte dort wesentlich intensiver geschehen.
Die akademisch-wissenschaftliche Arbeit würde mit tatsächlich
interessierten und dafür geeigneten Studierenden erfolgen.
Wir könnten hier eine Form finden, in der wir in der Tat ohne
Diskriminierung auch Auswahlverfahren ansetzen können. Die
Lehrenden erhalten aber höhere Aufgaben, man könnte positiv
sagen, sie haben veränderte und erweiterte Möglichkeiten,
sie müssen sich aber auch zu einer umfassenden persönlichen
Begleitung und Betreuung der Studierenden entschließen, was
letztlich im Interesse der Studierenden sein könnte und ist.
Die Studentinnen und Studenten haben die Möglichkeit, einen
berufsqualifizierenden Abschluß zu erwerben, der sowohl auf
dem Arbeitsmarkt Chancen eröffnet als auch eine vertiefte wissenschaftliche
Arbeit ermöglicht. Schließlich ist dieser Baccalaureus
ohne Schwierigkeiten der Ausgangspunkt für ein Weiterstudieren
in Ländern mit anderem Hochschulsystem.
Meine
Damen und meine Herren, ich glaube aber, daß dieses System
nur eine Möglichkeit ist und damit würde ich gern an das
anknüpfen, was bisher gesagt worden ist. Es wäre der völlig
falsche Weg, wenn man nun gleichsam den Baccalaureus uniform über
alle Fächer stülpen würde, wie wir das mit dem Magister
getan haben. Ich glaube, die Entscheidung, die im deutschen Hochschulwesen
allgemein zugunsten des Magisters gefallen ist, war falsch. Wir
haben im Osten die Diplomstudiengänge abgebaut und dafür
den Magister eingeführt, was sicher für bestimmte Fächer
sinnvoll war, aber der generelle Verzicht sollte sich nicht wiederholen.
Wir benötigen eine flexible, in sich abgestufte Struktur von
Studiengängen mit unterschiedlichen, aber abgestimmten Abschlüssen.
Nicht
für jede akademische Ausbildungsform eignet sich der Baccalaureus.
Es sollte den Universitäten freistehen, ob sie gestufte Abschlüsse
anbieten oder ob sie einlinig weiterverfahren wollen. Die Entscheidung
liegt dann bei den Studierenden und wird von den Leistungen gestimmt,
die von den Universitäten mit ihren Studenten gebracht werden.
Aber, meine Damen und Herren, wenn man gestufte Abschlüsse
anstrebt, dann soll man sie schließlich doch Stufe für
Stufe anstreben und nicht innerhalb einer großen Stufe eine
kleine einbauen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Gerd
Stratmann
Das Reformmodell zur
Neustrukturierung des Magister-, Master- und Baccalaureus-Abschlusses
an der Ruhr-Universität Bochum
Meine
sehr verehrten Damen und Herren,
in
manchen Beziehungen, so fürchte ich, werde ich Sie mit dem,
was ich zu erzählen habe, sicherlich enttäuschen. Ich
komme hier nicht mit einem neuen inhaltlichen Konzept eines BA-Studiengangs.
Meine Ausführungen betreffen vielmehr zwei Dinge: einmal den
formalen Rahmen, in dem sich der BA innerhalb des deutschen Studiensystems
relativ konfliktfrei entwickeln läßt; und zweitens den
pragmatischen Prozeß, durch den die neuen Studiengänge
übergangslos aus dem alten System hervorgebracht werden können.
Dabei geht es, wie die Formulierungen schon zeigen, nicht nur um
konzeptionelle, sondern eben auch um organisatorische und strategische
Aspekte. Auf dieser Ebene allerdings könnten die Bochumer Erfahrungen
für andere (freiwillige oder unfreiwillige) Pioniere durchaus
anregend und hilfreich sein.
Lassen
Sie mich zunächst etwas zur Genese des Bochumer Modellversuchs
sagen, vor allem zu den Motiven, die so viel Geld und Aktivität
vergleichsweise plötzlich in Bewegung setzten. Das Land Nordrhein-Westfalen
hatte und hat eine zentrale Reformkommission (die sogenannte Gemeinsame
Kommission), deren Vorsitzender ich seinerzeit war. Wichtigstes
Thema auf der Tagesordnung dieser Kommission waren für einen
langen Zeitraum die Magisterstudiengänge, vor allem die Magisterstudiengänge
in den Geisteswissenschaften. Wir begannen zunächst, alle verfügbaren
Daten zu sammeln. Das Ergebnis unserer Ermittlungen war, daß
das Magisterstudium ein nationaler Skandal ist. Über die Länder
hinweg -also nicht nur in Nordrhein-Westfalen- schließt von
fünf Studierenden, die dieses Studium beginnen, nur einer mit
einem Examen ab. Von diesem deprimierenden Wert von 20 % gibt es
nur relativ kleine Abweichungen; in der Romanistik waren es damals
etwa 18%, in der Anglistik etwa 22 %. Die vielen Statistiken über
die Studienzeiten (bzw. über die sogenannte Verweildauer) hatten
diese zentrale Zahl eigentlich nie deutlich werden lassen. Wie wir
damals lernten, ging es also eigentlich nicht in erster Linie um
Zeiten, sondern darum, daß von fünf Studienbeginnern
im Magisterstudium vier (meist im Alter von 28 oder 29 Jahren) am
Ende ohne einen Abschluß aus der Universität hinausdriften
werden. Die Süddeutsche hat herausgefunden, daß
viele von diesen Abbrechern oder "Herumhängern" schließlich
ganz gut unterkommen; aber wir alle wissen, daß die meisten
von ihnen irgendwann an den Punkt kommen, an dem es ihnen enorm
schaden wird, daß sie zehn Jahre lang studiert, aber dann
kein Examen gemacht haben. So etwas macht sich in Bewerbungen schlecht.
Um es noch einmal mit anderen Worten, und ein wenig polemisch gewendet,
zu sagen: Bevor man Geschichten von Magisterabsolventen erzählt,
die wunderbare Stellen bekommen haben, bevor man die Frage nach
der Berufseignung eines möglichen BA-Grades stellt, muß
man sich daran erinnern, daß das Magisterstudium in seiner
augenblicklichen Form nicht funktioniert. Nur ein Fünftel der
Studierenden macht überhaupt das Examen.
Mit
dieser Tatsache haben wir in Nordrhein-Westfalen angefangen. Wir
haben also nie die Konstruktion eines zusätzlichen Grades,
etwa in Nachahmung englischer bzw. amerikanischer oder französischer
Muster, zu unserem primären Ziel gemacht. Es ging uns um eine
Umstrukturierung des Magisterstudiums, die den augenblicklichen
katastrophalen Zustand (von 80 % gealterten und examenslosen Magister-Abbrechern)
wenigstens um einiges mildern könnte. Übrigens heißt
auch das Bochumer Modell, wenn ich vorausgreifen darf, "Reformmodell
zur Neustrukturierung des Magisterstudiums". Den BA haben
wir nämlich sowohl in der Reformkommission NRW als auch in
Bochum immer nur als ein Element der Umstrukturierung gesehen.
Die
Gemeinsame Kommission hat dann versucht, die wichtigsten Gründe
für die Katastrophe des Magisterstudiums zu identifizieren.
Dabei konnte sie auf die Dokumentationen und Statistiken des sogenannten
"Wissenschaftlichen Sekretariats" der Wissenschaftsministerin
zurückgreifen. Das Ergebnis war eine Liste von vier Faktoren,
die als die wichtigsten für die angedeutete Entwicklung ausgemacht
wurden:
1.
Der erste ist die sehr kritische Lage des Berufsmarktes, gerade
für geisteswissenschaftliche Absolventen. Als wir noch alle
Absolventen an die Schule schicken konnten, haben fast 95 % der
Studierenden ihr Examen auch wirklich gemacht. Die Angst vor dem
Arbeitsmarkt mit seinen großen Gefahren und Enttäuschungen
scheint also heute viele der Magister-Studierenden dazu zu bringen,
solange wie möglich an der Universität zu bleiben.
2.
Wie Befragungen zeigen, spielt es auch eine große Rolle,
daß im Magisterstudium (vor allem im Studium mit drei Fächern)
die Koordinierung der häufig völlig verschiedenen Anforderungen
und Studienrhythmen offensichtlich vielen Studierenden erhebliche
Schwierigkeiten bereitet. Die fachspezifische Studienberatung,
die sich in den letzten Jahren sehr verbessert hat, kann mit diesem
fachübergreifenden Problem kaum fertig werden.
3.
Für viele der geisteswissenschaftlichen Fächer gilt,
daß die Verzahnung zwischen der Phase des Hauptstudiums
und der Examensphase überhaupt nicht funktioniert. Während
man sich im Hauptstudium z.B. auf wissenschaftliche Hausarbeiten
konzentriert, die eine unglaublich spezifische, geradezu punktuelle
Arbeit an einem kleinen Forschungsproblem erfordern, soll man
dann plötzlich am Ende des Hauptstudiums in ein Examen eintreten,
welches mindestens nach der Theorie ein umfassendes Überblickswissen
und dazu noch eine Art Dissertation erfordert. Viele Studierende
bleiben an diesem Übergang hängen. In Bochum gibt es
eine ganz enorme Zahl von Studierenden, die zwar alle notwendigen
Scheine gesammelt haben, den Mut zu einer Anmeldung zur Prüfung
aber nicht mehr aufbringen.
4.
Die desolaten Absolventenzahlen haben natürlich auch etwas
damit zu tun, daß der Anteil der Studierenden eines Jahrgangs
von etwa 10 inzwischen auf fast 30 % gestiegen ist. Wir kommen
dann vor allem in der letzten Phase des forschungsorientierten
Studierens (z.B. im Zusammenhang mit der Vorbereitung der MA-Arbeit)
in eine Situation, in welcher bei gleichem Standard und eher schlechteren
Studienbedingungen nicht mehr alle die Examensanforderungen bewältigen.
Die
Gemeinsame Kommission hat dann versucht, erste Überlegungen
für eine Reform des Magisterstudiums anzustellen, die den
genannten Schwächen gerecht wird. Das Wissenschaftsministerium
des Landes hat dabei immer die Möglichkeit ins Auge gefaßt,
das entstehende Reformkonzept an einer großen Universität
auszuprobieren; es lag vielleicht nahe, daß schon sehr früh
an die Ruhr-Universität Bochum gedacht wurde. Bochum verfügt
über mehr als 50 Fächer, die als Magisterfächer
in Frage kommen. Außerdem gilt diese Universität (im
Jargon "neoklassisch" genannt) als relativ reformbereit,
verglichen z.B. mit den traditionellen Universitäten Köln,
Bonn und Münster. Das heißt nicht, wenn ich vorausgreifen
darf, daß es bei der Einführung des Reformmodells keine
Probleme gab. Auch die Bochumer Seminare wachen eifersüchtig
über ihre ganz spezifischen Studienordnungen. Zudem war die
Reformmüdigkeit nach der Einführung der sogenannten
"Eckdaten", die auf eine mechanische Herunterkürzung
aller Studiengänge (was die Stunden und die Leistungsnachweise
betrifft) hinauslief, ziemlich groß geworden. Daß
es dann doch gelang, gegen viele Widerstände das Reformmodell
nach Bochum zu holen, war vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen:
Einmal
hatte das Ministerium in Aussicht gestellt, ein solches Modell
vergleichsweise großzügig zu fördern, und zwar
sowohl durch Personalstellen als auch durch Hilfskraftmittel und
Investitionen (z.B. einen Computer-Lehrraum). Zweitens muß
man, nicht ganz ohne Zynismus, hinzufügen, daß monetäre
Motive auch in anderer Weise wichtig wurden. Das Land NRW verteilt
neuerdings die sogenannten 94er Mittel für Forschung und
Lehre nicht mehr allein aufgrund von Studierenden-Zahlen, sondern
nur teilweise aufgrund von Studierenden-Zahlen und teilweise aufgrund
von Absolventen-Zahlen. Da wachten selbst die Geisteswissenschaftler
auf und sahen, daß sie plötzlich eine Menge Geld an
die Ingenieurfächer und die naturwissenschaftlichen Fächer
verloren. Es erwachte ein großes Interesse daran, die Zahl
der Absolventen zu steigern.
So
konnte, großzügig gefördert von der Politik und
zum Teil murrend von den Fakultäten und Fächern der
Ruhr-Universität akzeptiert, der erste Studierenden-Jahrgang
im WS 1993/94 sein Studium im Reformmodell aufnehmen. Das Reformmodell
nimmt jedes Jahr etwa 150 neue Studierende auf; im Moment betreut
es mehr als 500 Studenten. Der erste Jahrgang hat sein BA-Examen
inzwischen abgelegt.
Aber
ich greife vor. Das Modell war zu einem großen Teil das Ergebnis
von sehr pragmatischen Überlegungen, die auf jene vier Faktoren
zurückgingen. Wenn ich Ihnen also jetzt die organisatorischen
und strukturellen Neuerungen des Modells vorstelle, so werde ich
mich wiederum an der oben genannten Liste der vier Negativ-Faktoren
orientieren.
1.
Den Berufsmarkt für Geisteswissenschaftler kann man natürlich
nicht über Nacht verändern. Verändern kann man
aber die Berufsorientierung des Studiums und auch die Berufsorientierung
der Studierenden. So haben wir zunächst eine solche Berufsorientierung
schon ins Studium eingebaut, ohne die fachspezifische Studienstruktur,
die ja immer noch in der Hoheit der Fächer lag, zu verändern.
Alle Studierenden des Bochumer Reformmodells müssen ein Pflichtpraktikum
von mindestens 6 Wochen absolvieren. Wenn es keine eigenen Vorschläge
der Studierenden gibt, vermitteln wir ihnen das Praktikum. Zu
diesem Zweck haben wir ein kleines Praktikumsbüro eingerichtet,
arbeiten mit der Industrie- und Handelskammer sowie der Arbeitsverwaltung
zusammen. Vorbereitet werden solche Praktika durch Arbeitsmarktkolloquien,
auf denen man über Bewerbungen, Berufschancen, Weiterbildungsmöglichkeiten
usw. alles Notwendige erfährt. Soweit das mit unseren Ressourcen
möglich ist, gibt es auch eine "Nachbereitung" des Praktikums.
Außerdem müssen alle unsere Studierenden gewisse skills
entweder nachweisen oder im Modell erwerben, die man auf dem heutigen
Berufsmarkt als Basisqualifikationen bezeichnen muß. Wir
bieten also Computerkurse an, die -orientiert an den Anforderungen
der Berufswelt- sich auf angewandte Comupterkenntnisse konzentrieren.
Wer entsprechende Computerqualifikationen nicht mitbringt, muß
diese Kurse absolvieren. Dasselbe gilt für unsere Englischkurse
(wiederum Kurse für "applied purposes" in Wissenschaft
und am Markt), von denen die Anglisten und die Studienanfänger
mit hohen Eingangskenntnissen naturgemäß befreit werden.
Alle
diese Maßnahmen haben unter anderem das Ziel, den Studierenden
das Gefühl der magischen Scheu vor dem Berufsmarkt draußen
zu nehmen. Ich darf vielleicht vorwegschickend sagen, daß
dies, wenn ich auf die ersten Jahre des Reformmodells zurückblicke,
vielleicht der erfolgreichste Teil des ganzen Unternehmens war.
Es war erstaunlich, mit wieviel Selbstbewußtsein unsere
Studierenden aus den Praktika herauskamen. Eine ganze Reihe von
ihnen hörten sogar mit dem BA vor allem deshalb auf, weil
sie nach ihrem erfolgreichen Praktikum sozusagen einen Fuß
in der Praxis hatten. Wir haben dabei gelernt, daß vor allem
solche Firmen, die Töchter von amerikanischen oder englischen
"Müttern" sind, mit dem BA überhaupt keine Schwierigkeit
haben.
2.
Um die Koordinierung zwischen drei Fächern zu erleichtern,
haben wir ein Beratungsbüro für unsere Studierenden
eingerichtet, welches sich vor allem auf die fächerübergreifende
Studienberatung konzentriert. Diese Studienberatung verläuft
meist individuell und ist zunächst auf das konkrete Ziel
gestellt, mit den jeweiligen Studierenden für das jeweilige
Semester einen Semester-Studienplan zu erarbeiten, der alle drei
Fächer umfaßt. Außerdem gibt es, vor allem in
den ersten zwei Semestern, Tutorien, die ebenfalls zum großen
Teil fächerübergreifend sind, also vor allem die Grundtechniken
des Studierens und wiederum die Koordination und den Transfer
zwischen den einzelnen Fächern in den Mittelpunkt stellen.
Dieser Service, obwohl einigermaßen aufwendig, hat sich
ebenfalls ausgezahlt. Die Studierenden des Reformmodells haben
die üblichen Orientierungsprobleme des geisteswissenschaftlichen
Studiums in kürzester Zeit bewältigt und bei diesem
Prozeß kaum Zeit verloren.
3.
Hier ging es um eine Strukturierungsfrage, genauer: um die Umstrukturierung
des Magisterstudiums, die eine bessere Verzahnung von Hauptstudium
und Prüfungsphase ermöglichen sollte. Wir haben das
Magisterstudium, welches damals, als wir anfingen, in NRW noch
ein Hauptfach mit 80 Semesterwochenstunden und 2 Nebenfächer
mit jeweils 40 Semesterwochenstunden vorsah, ausschließlich
in seiner Abfolge verändert, also nicht im jeweiligen Anteil
der Fächer. Unsere Studierenden studieren ihre drei Fächer
zunächst ohne eine Entscheidung für ein Hauptfach 6
Semester lang völlig parallel, wie im ganz normalen Magisterstudium
mit jeweils 20 Semesterwochenstunden. Am Ende der sechs Semester
haben sie dann alle ihre drei Fächer (bei dann 40 Semesterwochenstunden
pro Fach) bis zum Nebenfachniveau gebracht. Wir haben uns dabei
die bestehende und überall akzeptierte Institution des Magisternebenfachs
pragmatisch zunutze gemacht. Fast alle geisteswissenschaftlichen
Disziplinen haben ja immer schon darauf geachtet, daß ihr
Nebenfachstudium auch selbstverständlich Teile des Hauptstudiums,
mindestens einen Hauptseminarschein und einige Übungen, umfaßte,
damit es sich nicht nur auf "bloßes Grundwissen" reduzierte.
Entscheidend war in diesem Zusammenhang, daß am Ende der
genannten sechs Semester alle drei Fächer auch -wie gesagt,
als Nebenfächer- "abgeprüft" wurden. Für die
Vollendung des Magisterstudiums fehlen dann nur noch zwei forschungsorientierte
Semester im Hauptfach, auf das man sich dann völlig konzentrieren
kann. Nach diesem Intensivstudium des Hauptfachs (theoretisch
ebenfalls mit etwa 20 Semesterwochenstunden) hat man dann ein
Studium absolviert, welches in seinen Anteilen, wenn auch nicht
in seiner Sequenz, völlig identisch mit einem normalen Magisterstudium
ist. Der große Unterschied aber liegt darin, daß sich
die Studierenden bis zum Ende des sechsten Semesters auf Überblickskenntnisse,
Einüben wissenschaftlicher Fertigkeiten und den Umgang mit
den entsprechenden Methoden konzentrieren können, um dann
in den letzten zwei Semestern ein überwiegend forschungsorientiertes
Intensivstudium im Hauptfach in die Vorbereitung der Magisterarbeit
zu führen. Diese Stufung der Prüfungen, in den Natur-
und Ingenieurwissenschaften schon immer die Regel und nun auch,
jedenfalls in NRW, für die Geisteswissenschaften zugelassen,
dient also nicht nur der Entlastung der Studierenden, sondern
auch der Qualität jener wissenschaftlichen Leistung, die
für den Magister als die entscheidende gilt, nämlich
die Magisterarbeit.
Außerdem
haben wir mit Maßnahmen experimentiert, die sich inzwischen
ebenfalls in weiten Teilen des "normalen" Studiums durchgesetzt
haben, nämlich u.a. mit Anrechnung von zwei oder drei zentralen
Studienleistungen auf die Examensnote. Davon versprachen wir uns
auch eine Steigerung der Prüfungsmotivation der Studierenden;
wenn manche Studienleistungen in die Endnote eingehen, wenn also
die Studierenden schon vor der Anmeldung "eingezahlt" haben
in die Examensnoten, erscheint der Anreiz, wirklich ins Examen
einzusteigen, größer.
4.
Die genannte Umstrukturierung des Magisters (das parallele Studium
von drei Fächern über sechs Semester, mit einem anschließenden
Intensivstudium im Hauptfach) schafft nun aber auch einen Punkt,
der eine neue Art von zertifiziertem "Ausstieg" erlauben
würde. Um noch einmal daran zu erinnern: eine solche Ausstiegsmöglichkeit
erschien im Bochumer Kontext so wichtig, weil viele, die an der
Schwelle zum forschungsorientierten Schlußteil des Studiums
angekommen sind, die auf sie zukommende letzte Hürde des
normalen Magisterstudiums nicht bewältigen können oder
wollen. Mit anderen Worten: Wir haben eine Prüfung in drei
Fächern auf dem Nebenfachniveau des normalen Magisterstudiums
(unter Hinzunahme einiger genereller Leistungen wie dem Praktikum,
dem Computer- und dem Englischkurs) als BA definiert. Es gibt
in dieser Prüfung sogar eine kleine Sechswochen-Arbeit, die
in vielen Fällen auf einer vorher erfolgreich abgeschlossenen
Hauptseminar-Hausarbeit beruht.
Natürlich
war es dieses Element des Bochumer Magisterreformmodells, welches
sich als das kontroverseste erwies. Inzwischen hat die entsprechende
Debatte jedoch viel von ihrer Hitze und Schärfe verloren. Aus
einem völlig anderem Argumentationszusammenhang her haben sich
inzwischen die wichtigsten Gremien der Hochschulpolitik, nämlich
die HRK, der DAAD und der Wissenschaftsrat, für die Einführung
eines Bachelor in das deutsche Studiensystem ausgesprochen.
Allerdings ist ihr Hauptargument gerade nicht die Tatsache, daß
in der momentanen Situation das Magisterstudium nicht funktioniert.
Das Hauptmotiv für das neue Umdenken liegt vielmehr darin,
daß Deutschland den Anschluß an das internationale Hochschulwesen
und -was noch schlimmer ist- an den internationalen Berufsmarkt
verloren hat. Die augenblicklich angebotenen Hochschulgrade sind
offenbar nicht mehr kompatibel mit den Anerkennungsregeln in anderen
Staaten. Beispielsweise wird der deutsche Magister in den Vereinigten
Staaten vielerorts deshalb nicht als gleichwertig anerkannt, weil
er das erste Examen ist und deshalb als Entsprechung des amerikanischen
BA abgewertet wird. Die Haupttriebkraft für die neuen Entwicklungen
kommt aus solchen Gründen auch eher aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften,
deren Diplom ähnliche internationale Anerkennungsprobleme bekommen
hat wie der deutsche MA. Hier würde ich auch Herrn Wartenberg
ein wenig widersprechen wollen, der die Meinung vertreten hat, es
gehe vor allem oder sogar ausschließlich um die wissenschaftliche
"Essenz" der entsprechenden Grade. Es geht ganz offensichtlich
auch um knallharte Märkte. Die Bochumer Ingenieurwissenschaftler
erzählen mir, daß die Engländer es geschafft haben,
vor allem im nahen Osten die entsprechenden Konkurrenzverhältnisse
ganz entscheidend zu ihren Gunsten zu verschieben- nämlich
dadurch, daß sie die in den dortigen Staaten Zuständigen
davon überzeugt haben, daß der englische Bachelor
in Engineering genauso ein erster Grad wie der deutsche Diplomingenieur
sei und diesem deshalb gleichgeordnet werden müsse. So haben
wir jetzt eine ganze Reihe von Fakultäten, die darüber
nachdenken, ob sie nicht -sozusagen künstlich- einfach eine
Zwischenstufe in ihr normales Diplomstudium einziehen, damit sie
sagen können: Unser Diplomgrad, welchen wir auch als Master
bezeichnen könnten, ist nun der zweite Grad. Ob man ein solches
zynisches Spiel mitmachen soll, ist natürlich die große
Frage.
Die
Frage der internationalen Anschließbarkeit deutscher Grade
hat, wie ich schon sagte, bei der Gründung des Bochumer Reformmodells
nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Seitdem aber ist auch
das Modell mit diesem Aspekt verstärkt konfrontiert worden.
Inzwischen übernimmt es nämlich für eine ganze Reihe
von Fächern der Ruhr-Universität die Funktion einer -um
einen Kollegen zu zitieren- "Waschanlage" für ausländische
Studenten. Es hatte sich nämlich gezeigt, daß viele Franzosen,
Engländer oder Amerikaner nur dann in Bochum studieren wollten,
wenn sie vor ihrem MA-Abschluß einen BA-Abschluß ablegen
konnten, bzw. wenn sie ihren heimischen BA-Abschluß als angemessene
Voraussetzung eines sich daran anschließenden MA-Studiums
anerkannt bekamen. Beides wird durch das Modell natürlich möglich,
wobei Anerkennungen nur nach Einzelfallprüfung beschlossen
werden. Seitdem funktionieren einige Partnerbeziehungen mit ausländischen
Hochschulen reibungslos, die vorher fast an den verschiedenen Studiensystemen
gescheitert wären. Wir können jetzt unsere eigenen BA-Absolventen
ins Ausland schicken, wo sie nur noch das Magisterstudium im engeren
Sinne absolvieren; umgekehrt bieten wir ausländischen Absolventen
eines reputierten BA ein Intensiv-Magisterstudium (in einem Fach),
das ihren Plänen meistens sehr entgegenkommt.
Soweit
also die kurze Einführung in die Bochumer Erfahrungen. Da meine
Zeit kurz bemessen ist, möchte ich mich nun damit begnügen,
nach dieser eher beschreibenden Einführung noch drei bewertende
Bemerkungen anzufügen.
1.
Vor dem Scheitern des augenblicklichen Systems der Magisterstudiengänge
können wir nicht mehr die Augen verschließen. Wir können
nicht einfach mehr sagen, der Massenzustrom der Studierenden,
von denen viele den Anforderungen des Magisterstudiums nur teilweise
gewachsen sind, sei nicht unser Problem, den nämlich habe
die Politik zu verantworten. Natürlich müssen im Moment
die Geisteswissenschaften dafür bezahlen, daß -auf
dem Papier!- die Universität sperrangelweit offen ist und
daß so viele Studienanfänger ohne primäres Motiv
zeitweilig Unterschlupf an der Hochschule suchen, unter anderem
deshalb, weil auf dem Arbeitsmarkt auch alle anderen Möglichkeiten
sehr unheimlich geworden sind. Und es wäre ebenfalls unrealistisch
zu erwarten, daß ein viermal so hoher Jahrgangsanteil von
Studierenden, verglichen mit den Zuständen vor etwa 20 Jahren,
heute das gleiche Examensniveau bewältigt, wie damals eine
ausgesuchte Minderheit. Allein mit Humboldt läßt sich
dieses Problem nicht mehr lösen. Ein Blick in die Nachbarländer
zeigt allerdings, daß es genau für dieses Problem Lösungsmöglichkeiten
gibt. In England beispielsweise praktiziert man aus den genannten
Gründen eine Stufung; nach drei Jahren Studium gibt es einen
Entscheidungskorridor, und sehr viele der Studierenden gehen dann
in die Welt, während eine Minderheit sich dafür entscheidet,
mit einem wissenschaftlicheren Studium weiterzumachen. Ich bin
davon überzeugt, daß wir im Interesse unserer Studierenden,
und zwar sowohl der besten als auch der schwächeren, eine
Stufung brauchen.
2.
Sie haben inzwischen natürlich auch verstanden, daß
das Bochumer Reformmodell einen gewissen Mangel aufweist. Ich
selber habe heute in meinem ersten Satz schon darauf hingewiesen.
Das Bochumer Modell beruht nicht auf einem neuen inhaltlichen
Konzept eines -beispielsweise in besonderer Weise berufsorientierten-
kürzeren Studiengangs namens BA. Das Bochumer Reformmodell
hat vielmehr einen organisatorischen und strukturellen Rahmen
entwickelt, innerhalb dessen ein BA als Stufung in das bestehende
System der MA-Studiengänge eingefügt werden kann, und
hat eine strategische Prozedur ausprobiert, in deren Verlauf die
neuen Strukturen übergangslos aus den alten entwickelt werden
können. Diese Prozedur verdient vielleicht das Adjektiv schlitzohrig.
Das Reformmodell hat nämlich die Studien- und Prüfungsordnungen
der drei beteiligten Fakultäten und der Fächer weitgehend
übernommen; denn selbst die vom Modell eingeführte Sequenzierung
(zunächst sechs Semester lang paralleles Studium von drei
Fächern, dann zwei Semester lang Intensivstudium im Hauptfach)
wäre nach den Regeln des normalen Magisterstudiums zwar sehr
ungewöhnlich, aber weitgehend erlaubt. Für den Bereich
des Reformmodells mußte nur eine kleine Zahl von Regelungen
zusätzlich genehmigt werden: die vorgezogene Abprüfung
der Nebenfächer (die in NRW übrigens inzwischen auch
für das normale Magisterstudium erlaubt wird); eine zusätzliche
Prüfung in dem Fach, welches am Ende als Hauptfach gewählt
wird (weil das Hauptfach vorher ja schon auf Nebenfachniveau geprüft
wird); die Obligatorik zusätzlicher Leistungen (Computerkurse,
Englisch) und eines Praktikums; und schließlich die Anrechnung
von Leistungsnachweisen auf die Examensnote, ebenfalls eine Regelung,
die im Zuge der Eckdatenverordnung auch im normalen Studium üblich
geworden ist.
All
das läßt die Frage offen, wo denn hier die inhaltliche
Neukonzeption der Fächer geblieben ist. Die erste pragmatische
Antwort lautet: Bei der bekannten Schwerfälligkeit von Fächern
-in diesem Falle mehr als 50 Fächern- und ihrer Neigung,
gegen jede übergreifende Regelung die unverwechselbare Besonderheit
der eigenen Struktur zäh zu verteidigen, hätte ein Reformmodell
wie das Bochumer, welches ja auf die Kooperation mit allen beteiligten
Fächern angewiesen ist, von vornherein keine Chance gehabt.
Die Fächer haben schließlich dann doch bereitwillig
mitgespielt, weil die Modell-Studierenden die gleichen Leistungen
erbrachten wie ihre Kommilitonen, wenn auch meist in anderer Reihenfolge.
Die
zweite Antwort allerdings stimmt hoffnungsvoller. Unsere Erfahrungen
legen nämlich die optimistische Vermutung nahe, daß
die neue Studienstruktur und vor allem die neue, schon wegen des
Praktikums usw. viel berufsorientiertere Studenten-Population
dafür sorgen, daß die Fächer sich auch inhaltlich
allmählich (also gleichsam von innen) den Erfordernissen
des neuen Studiengangs anpassen. Mein eigenes Fach, die Bochumer
Anglistik, mag als Beispiel dafür dienen. Es hat vor ein
paar Jahren zwei neue inhaltliche Wahlmöglichkeiten für
das Magisterstudium eingerichtet, nämlich einmal die Ausrichtung
Cultural Studies (also eine Richtung, die über die
Literatur hinaus sich vor allem mit der gegenwärtigen Kultur
Großbritanniens auseinandersetzt) und eine, die auf englische
Fachsprachen spezialisiert ist. Dies waren bisher deutlich Minderheiten-Optionen,
verglichen mit der klassischen Literaturwissenschaft und Anglistik.
Von den Modell-Studierenden sind hingegen auffällig viele
in diese beiden Ausrichtungen gegangen, was sicherlich damit zusammenhängt,
daß diese Gruppe in ganz anderem Maße als normale
Studierende die Berufsorientierung des Studiums für selbstverständlich
hält. Das Englische Seminar Bochum hat sein Angebot in diesen
Bereichen daraufhin entsprechend verstärkt. Mit anderen Worten:
Wenn man eine neue Studienstruktur, unter anderem auch die Integration
des BA, möglichst fließend und flächendeckend
einführen will, so ist der Bochumer Weg vielleicht eine empfehlenswerte
pragmatische Lösung. Mit der anderen denkbaren Prozedur,
nämlich dem Entwerfen neuer Studienstrukturen am Reißbrett
irgendwelcher Sachverständigen-Kommissionen, die dann in
Hunderten von Gremien allmählich zerredet werden, hat man
in den letzten Jahren ja eher schlechte Erfahrungen gemacht.
3.
Schließlich: Wenn ich die Einzelerfahrungen unseres Modells
im einzelnen beurteilen soll (soweit das momentan überhaupt
möglich ist), so würde ich folgende Abschlußbemerkung
hinzufügen: Zu den großen Erfolgen des Modell gehört
sicherlich die interdisziplinäre Studienberatung, die das
Koordinieren eines Drei-Fächer-Magisters optimiert, das obligatorische
und folgenreiche Praktikum und die Tatsache, daß es uns
weitgehend gelungen ist, die Jahrgangsgruppen (z.B. durch übergreifende
Tutorien) zusammenzuhalten. Außerdem haben wir nach erfolgreicher
Auseinandersetzung mit den BAFöG-Behörden erreicht,
unsere Konstruktion (ein MA-Studium mit vorheriger BA-Ausstiegsmöglichkeit,
nicht ein BA-Studium mit dann aufgesatteltem MA) durchzusetzen,
so daß unsere Studierenden im Magister-Reformmodell
auch für die Regelstudienzeit des Magisters gefördert
werden, falls sie nach dem BA-Examen weiter studieren. Auch die
Computerkurse haben dazu beigetragen, daß unsere Studierenden
und Absolventen mit spürbar gewachsenem Selbstbewußtsein
ihre Praktikums- oder Bewerbungskontakte mit der Berufswelt aufgenommen
haben.
Über
Berufschancen für BA-Absolventen läßt sich naturgemäß
kaum etwas sagen- vielleicht nur so viel: Wie es scheint und wie
es auch zu erwarten war, haben 23jährige BA-Absolventen mit
zusätzlichen Computer- und Sprachkenntnissen sowie Praktikumserfahrungen
ungleich bessere Chancen als 29jährige Abbrecher. (Und dies
ist ja die Gruppe, mit denen man sie vergleichen muß!)
Eine
umfassende Bewertung des Modellversuchs ist also schwierig. Es sieht
so aus, als könnten wir damit rechnen, daß etwa 60 %
unserer Studierenden das BA-Examen abschließen. Diese Zahl
aber ist deshalb so unzuverlässig, weil die Modellstudierenden
ohne Sanktionen aus dem Modell in das Normalstudium überwechseln
können, ohne daß wir ihre späteren Studienerfolge
oder Studienzeiten ermitteln können. Außerdem sieht es
so aus, als würden unerwartet viele BA-Absolventen dann den
Magister anschließen. Man könnte also vielleicht sagen,
daß der BA (jedenfalls wenn er als Stufe des MA-Studiums angelegt
ist) auch einen großen und positiven Beitrag zum zügigen
Abschluß des Magisterstudiums leisten kann.
Das
Reformmodell läuft in diesem Jahr aus. Genauer: Es wird selbstverständlich
die Studierenden, die sich jetzt schon im Modell befinden, weiter
bis zum Ende des Studiums betreuen; aber es wird keinen neuen Anfängerjahrgang
mehr aufnehmen. Inzwischen hat die Ruhr-Universität Bochum
allerdings beschlossen, 1998 -sozusagen auf eigenes Konto- 250 Studierende
nach den Bedingungen des bisherigen Reformmodells aufzunehmen, ihnen
also ein gestuftes Studium der beschriebenen Art anzubieten. Es
ist allerdings zu befürchten, daß im Bereich der Betreuung
schon dieser Jahrgang nicht mehr ganz so komfortabel behandelt werden
kann, wie die vom Ministerium gesponserten Studierenden des Reformmodells.
Auf die vom Modell geschaffene "Infrastruktur" (Computerräume
und -kursprogramme; Tutorienprogramme; Anrechnungsmodalitäten;
Terminstaffelung für Prüfungen; Praktikums-Organisation
usw.) wird die Universität hingegen zurückgreifen können.
Angesichts
der Stellungnahmen der wichtigsten hochschulpolitischen Gremien
in Deutschland und auch angesichts der neuen HRG-Regelungen bin
ich überzeugt davon, daß sehr viele deutsche Universitäten
in den nächsten Jahren den BA zum Teil ihres curricularen Programms
machen werden. Die Integration dieses neuen Elements in die konventionellen
Systeme und die dazugehörigen Übergangsprozesse werfen
eine ganze Reihe von Problemen auf. Hier kann die Bochumer Erfahrung,
die zum Reformmodell zur Neustrukturierung des Magisterstudiums
führte, meines Erachtens von beträchtlichem Interesse
sein.
Wolfgang
Körner
Bericht
zum Stand der Diskussion um Master- und Bachelor-Abschlüsse
in der Kultusministerkonferenz
Meine
sehr geehrten Damen und Herren,
Den
Ausrichtern der Tagung danke ich für die Einladung, die mich
in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des zuständigen Unterausschusses
der Kultusministerkonferenz angesprochen haben. Meine Vorstellung
darf ich dahingehend ergänzen, daß ich in der niedersächsischen
Nachbarschaft als "Koordinator für Hochschulentwicklung"
im Wissenschaftsministerium tätig bin.
Meine
Damen und Herren, lassen Sie mich mit einem rhetorischen Kunstfehler
beginnen. Ich werde zuerst aufzählen, was ich alles nicht
erörtern will:
Ich
werde erstens nicht über "Kurzstudiengänge"
sprechen, um diese fossile Diskussion nicht wieder aufzurühren,
schon gar nicht in Verbindung mit der Scheinalternative von Wissenschaftlichkeit
oder Unwissenschaftlichkeit. Das mögen Sie bei Bedarf in den
Arbeitsgruppen aufgreifen, ich bitte um Verständnis, daß
ich mich daran nicht beteiligen möchte.
Ich
werde zweitens nicht über die vielzitierte "Studien-Strukturreform"
sprechen, so wie sie sich in §9 HRG (i.V. mit der Ausführungsvereinbarung
der Ministerpräsidenten) ausdrückt. Sie werden es gelegentlich
zumindest indirekt verfolgt haben, dieses alles in allem recht unergiebige
Verfahren der länderübergreifenden "Koordinierung
der Ordnung von Studium und Prüfungen". Die Produkte,
die jeweils nach Jahren am Ende herauskommen, sind nach zumeist
schleppenden Beratungen relativ inhaltsschwache Rahmenordnungen;
zu deren Nutzen als Instrument der Reform ich -drittens- an dieser
Stelle nichts sagen werde.
Ich
werde viertens auch nicht näher auf den beunruhigend
niedrigen Ausländeranteil an den deutschen Hochschulen im allgemeinen
eingehen- obwohl das ein interessantes Thema wäre. Von der
ohnehin mäßigen statistischen Quote müßte
man die sog. "Bildungsinländer" abziehen, ehrlicherweise
auch noch die Studierenden ausländischer Herkunft in den künstlerischen
Fächern.
Noch
ein letztes Dementi: In der Überschrift der verdienstvollen
Tagung ist die Rede von "Master- und Baccalaureusabschlüssen".
Für mein sprachliches Laienverständnis ist dies ein Mißgriff.
Den "Bakkalaureus" schreibe ich vulgärlateinisch
mit "Doppel-k" und nicht mit "c", auch
um der Verwechslung mit dem französischen "baccalauréat"
zu entgehen. Im übrigen habe ich etwas gegen diese Mischung
von englischen und lateinischen Begriffen. Bei Ihnen rechne ich
mit philologischem Verständnis für die Bitte, im weiteren
von "Magister und Bakkalaureus" oder "Master und
Bachelor" zu reden. Mir persönlich wäre die Pflege
der latinisierten Version nicht so wichtig, aber es hat doch Stimmen
in der KMK gegeben, denen dies ein Herzensanliegen war. Sie wird
demgemäß auch im HRG als sprachliche Alternative zum
Bachelor berücksichtigt werden. Entsprechendes gilt für
die Varianten "Magister"/"Master". Wenn ich
im folgenden von "Bakkalaureus" rede, hören Sie bitte
das doppelte "k" .
Nun
zu meinem eigentlichen Auftrag. Die Kultusministerkonferenz hat
Mitte Dezember 1996 von den Regierungschefs von Bund und Ländern
den Auftrag erhalten, einen Bericht zur "Stärkung der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandortes
Deutschland" zu erstellen. Man merkt aus der pseudomilitärischen
Begrifflichkeit "Standort", wohin wir inzwischen geraten sind.
Ich verzichte hier darauf, die sprachlichen Assoziationen weiter
auszuführen. Es sind genügend Kundige im Auditorium, die
das professionell vertiefen könnten.
Das
jetzt vorliegende Papier ist nach mehrfacher Rückkopplung mit
der Hochschulrektoren-konferenz schlußendlich im Plenum der
Kultusministerkonferenz am 24. Oktober abgesegnet worden mit einigen
Maßgaben, die inzwischen eingearbeitet sind. Am 18. Dezember
werden die Regierungschefs von Bund und Ländern zusammenkommen
und eine gemeinsame Erklärung zu dem Thema verabschieden, die
im wesentlichen eine Kurzfassung dieses Papiers enthält. Im
übrigen wird das Papier "zustimmend zur Kenntnis genommen"
, ferner wird eine Menge Schulaufgaben (oder wenn sie wollen: Hoch-Schulaufgaben)
verteilt, vornehmlich in Richtung auf die weitere Umsetzung.
Kommen
wir zum Kern der Unternehmung. Die Umsetzungsmaßnahmen, die
hier angesprochen sind, stellen ein komplexes Bündel dar, bei
dem die Einführung von Bachelor-und Masterabschlüssen
nur eine Systemkomponente unter mehreren ist. Dazu gehört mit
mindestens gleichem Gewicht die Modularisierung der Studienangebote
in Verbindung mit dem inzwischen viel diskutierten "Credit
Point System" bzw. "Kreditpunktsystem", das das herkömmliche
Prüfungssystem in mehrfacher Hinsicht infrage stellt. Die Neuordnung
der Doktorandenphase (Aufbaustudiengänge) gehört als weiteres
zentrales Anliegen dazu.
Ferner
führt der Bericht eine Reihe von Begleitaktivitäten auf,
die für unser Thema heute nicht unmittelbar relevant sind,
nämlich die Fragen der Verbesserungen beim Spracherwerb und
fremdsprachigen Lehrangeboten, Erleichterungen beim Hochschulzugang
für Ausländer und der sozialen fachlichen Beratung und
Betreuung, Gewinnung von ausländischen Dozenten, Erleichterungen
und Entbürokratisierung bei Ausländerrecht und Arbeitserlaubnisrecht,
Verbesserung von Information und Werbung, etc. Ich erwähne
diese Stichworte, damit Sie den Kontext kennen.
Kommen
wir zu dem Thema "Bachelor/Master". Meine Hamburger Kollegin
hat diesen Abschnitt des Papiers (Einführung von Bachelor/Master-Abschlüssen)
federführend betreut. Insofern verfügen Sie in Hamburg
über Informationen aus erster Hand, die Ihnen die Umsetzung
erleichtern wird. Leider sind die ursprünglich recht konkreten
Vorschläge dieses Papiers der Streichung zum Opfer gefallen,
weil unter den Ministern hierzu kein Konsens bestand und man diesen
Konflikt nicht ohne Absprachen mit der Hochschulrektorenkonferenz
entscheiden wollte. Gerade dieser Abschnitt wäre für Ihre
Beratung heute jedoch hilfreich gewesen. Die ursprüngliche
"Anlage 1" ist zurückgezogen worden, aber natürlich
kann man das Papier nachlesen, auch wenn es nicht den Segen des
Plenums der Minister gefunden hat.
Ich
werde mich jetzt auf sieben Thesen konzentrieren, um damit die Diskussion
etwas zu fokussieren.
Erste
These: Die deutsche Hochschule arbeitet eher nicht studentenzentriert.
Sie ist nicht transparent, sie ist eine gleichsam hermetische
Einrichtung, übrigens nicht nur für Außenstehende
oder Ausländer, sondern auch für die Gesellschaft drum
herum, oft genug auch für ihre Mitglieder, vor allem die Studierenden.
Ich zitiere (wenn auch ungern) eine wenig tröstliche Bemerkung
von Burkhard Lutz vom Institut für Sozialforschung in München,
der 1974 sagte, genau darin liege die Stärke der deutschen
Universität: Selektivität nicht in den formalisierten
Prüfungen, sondern im informellen Dschungel. Wer das überlebt,
der ist tüchtig, der ist stark, für den braucht man weder
Prüfungen noch Studienberatung. Auch heute noch eine gräßliche
Interpretation, in jedem Falle etwas zum Nachdenken
Zweite
These: Die Frage der Attraktivität oder Transmissivität
für ausländische Studieninteressenten, vor allem auch
Nichteuropäer, können wir nicht isoliert diskutieren,
so willkommen der Anlaß ist, dies zu tun. Wenn von Xenophobie
des Systems geredet werden muß, ist das nur ein Reflex auf
die gesamte Situation der Hochschule und nur ein Unterthema, das
im System insgesamt gesehen werden muß. Also: Die Fragen der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit können nicht isoliert
diskutiert oder gar gelöst werden mit Spezialprogrammen für
ausländische Interessenten, die die Probleme und Sorgen der
deutschen Studierenden nicht einbeziehen.
Dritte
These: Deutschland ist zwar immer noch attraktiv als Zuwanderungsland,
wie man an der Zahl der Zuwanderer und Asylbewerber sehen kann;
die deutsche Hochschule ist es offensichtlich nicht. Das deutsche
Hochschulsystem ist kein Exportschlager. Wenn Sie die internationale
Fachdiskussion oder Fachzeitschriften beobachten, werden Sie von
der deutschen Hochschule fast nichts finden. Sie wird nicht einmal
kritisiert als rückständig oder fortschrittlich oder irgend
etwas anderes. Sie taucht schlicht nicht (mehr) auf, es sei denn
in historischer Reflexion auf Wilhelm von Humboldt, auf dessen Vorbild
sich immer noch amerikanische Eliteuniversitäten für Postgraduiertenstudien
berufen.
Vierte
These: Ist die deutsche Hochschule von der internationalen Entwicklung
erst mal abgehängt, werden Politik und Wirtschaft in gewissem
zeitlichen Abstand folgen. Die Folgen in Politik und Wirtschaft
werden zu spüren sein, wenn es für Korrekturen in der
Hochschule aus mancherlei Gründen zu spät sein wird. Also
dürfen wir nicht auf die Folgesymptome warten, und das ist
gleich eine Antwort auf Fragen, die ich für das Auditorium
vorwegnehmen möchte. Wir dürfen nicht warten, bis die
Tarifgemeinschaft deutscher Länder, das Oberprüfamt für
die Höheren Technischen Verwaltungsbeamten und die anderen
ehernen Institutionen die Diskussion der Studienstrukturen aufgegriffen
und in BAT-förmige Beschlüsse oder Laufbahnvorschriften
umgesetzt haben. Entsprechendes gilt, wenn auch gemäßigt,
für die (zum Glück flexiblere) Einstellungspraxis bei
den privaten Arbeitgebern. Insofern sind der perspektivischen Absicherung
eines neuen Angebots von Abschlüssen auf dem Arbeitsmarkt Grenzen
gesetzt, die auch in der Trägheit der Systeme liegen.
Fünfte
These: Die Aktivitäten in dem Zusammenhang Bachelor/Master
müssen eingebettet werden in das Thema, das ich gern vermieden
hätte, nämlich die Studienstrukturreform. Zu einer Bachelor/Master-Diskussion
gehört die PhD-Diskussion genauso wie die Fragen der Modularisierung
und der Kreditakkumulation (nicht nur der Kredittransfer)
und deren Abbildung in einem rechtsstaatlichen Prüfungswesen.
Wir müssen dabei das soziale Umfeld bedenken (einschließlich
BAföG!), natürlich auch die Frage des Spracherwerbs bei
auslandsorientierten Programmen.
Sechste
These: Voraussetzung einer erfolgreichen Umsetzung ist Einigkeit
über bestimmte Eckwerte. Diese wurde im Rahmen der KMK-Diskussion
für die wichtigsten Parameter überraschend zügig
erzielt. In den konsekutiven Modellen nach dem "Bachelor/Master"-System
soll der Bachelor-Abschluß nach drei oder vier Jahren, der
Master-Abschluß nach weiteren ein oder zwei Jahren angeboten
werden, das macht zusammen fünf Jahre. Also: Entweder
dreijährige oder vierjährige Studienprogramme bis zum
Bachelor und dann korrespondierend zwei Jahre oder ein Jahr für
das Master Programm. Im internationalen Rahmen ist das Master Programm
immer durch ein beachtliches Maß an Spezialisierung und Vertiefung
charakterisiert. Das deutsche Universitätsdiplom ist es nicht,
jedenfalls ist so die Außenwahrnehmung. Wenn Sie mit Kollegen
im Vereinigten Königreich oder aus Israel oder USA reden, stellen
Sie immer wieder fest, daß dort das deutsche Diplom als generalistischer
erster Abschluß (wie der Bachelor) gilt und daß es deswegen
schon nicht mit dem Master gleichgestellt werden kann.
Nur
am Rande sei an die jahrelangen fruchtlosen Auseinandersetzungen
zwischen KMK und HRK um die Frage von neun- oder zehnsemestrigen
Regelstudienzeiten erinnert. Dieser unproduktive und eigentlich
nebensächliche Streit würde bei einer Orientierung an
internationalen Standards seine Basis verlieren. Aus der Wahrnehmung
der internationalen Standards muß man von ungeraden Semesterzahlen
abraten, weil die Referenzsysteme mit ganzjährigen Zyklen arbeiten,
also entweder mit terms oder quarters oder wie auch immer, es wird
mit Studienjahren gerechnet. Die Folge ist, daß z.B.
ein deutsches neunsemestriges Universitätsdiplom in
den USA oder auch im Vereinigten Königreich immer wieder mit
einem Bachelor identifiziert wird, weil man das letzte Halbjahr,
das neunte Halbjahr sozusagen nicht zur Kenntnis nimmt. Es sind
vier volle Jahre und vier Jahre führen prima facie zur
Anerkennung als Bachelor. Und wenn es günstig ist, wird das
Diplom dem "Bachelor of Honours" oder dem "Bachelor
with Thesis" zugeordnet. Also wird man sich dazu bequemen müssen,
auf volle Jahre überzugehen. Nebenbei bemerkt, wenn vereinzelt
eine Gleichstellung der vierjährigen Fachhochschulabschlüsse
mit dem "Master" gefordert wird, verkennen die Befürworter
dieser Initiative völlig die Prozedur. Über die Anerkennung
von Abschlüssen wird im Aufnahmestaat entschieden, nicht im
Herkunftsstaat. Man ist daher gut beraten, sich über die Konditionen
im Aufnahmestaat zu unterrichten, statt eigene Wunschvorstellungen
zum Maßstab des Handelns zu machen.
Zu
den KMK-Eckwerten gehört ein weiterer Punkt, der auch in der
Hochschulrektorenkonferenz Konsens ist: Keine Diskriminierung der
Fachhochschulen durch Zusätze zu den zu verleihenden Hochschulgraden.
Da
es jetzt ein wenig unübersichtlich wird, lege ich Ihnen ein
Bild auf den Overhead-Projektor. Zuoberst in angemessener Höhe
finden Sie den universitären Bereich, tief unten (nur optisch!)
die Fachhochschule, rechts oben, wie es sich gehört, die Phase
der Promotion. Sie sehen somit das Gesamtsystem abgebildet. Ich
darf Sie hier auf einen verdeckten Dissens hinweisen, auch wenn
es Sie hier im Saal nicht so betrifft: Bei dem Fachhochulsubsystem
sehen Sie unten einen dreijährigen "BA" ohne
Klammerzusatz und dann einen vierjährigen "BA" mit
Klammerzusatz. Das erste was man lernen muß, wenn man sich
mit dem Thema beschäftigt, ist: "Bachelor" ist nicht
gleich "Bachelor" und es ist nicht mal innerhalb des Vereinigten
Königreichs oder in den Vereinigten Staaten jeder Bachelortyp
dem anderen gleich, es gibt durchaus unterschiedliche Varianten
und Niveaus; wir werden darauf unten noch zu sprechen kommen. Der
"nackte" dreijährige Bachelor ist mehr oder weniger
ein amtliches Abgangszertifikat. Ein Abgangszertifikat, das eine
allgemeine Grundbildung in bestimmten Fächern attestiert, aber
auch nicht mehr. So etwas haben wir im deutschen System bisher nicht,
sieht man von den eher schädlichen Abbrecherzertifikaten ab.
Was in unserem System der Abschlüsse angeboten wird, bezieht
sich auf den "Bachelor of Honours" oder -im US-System-
den "Bachelor with Thesis", d. h. ein Bachelor mit berufsqualifizierendem
Profil und einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit. Die wissenschaftliche
Abschlußarbeit ist konstitutiv für den qualifizierten
Bachelor und die Fortsetzung des Studiums in einem anderen Kontext,
wie man dann sehen wird. Dasselbe finden Sie -ohne diskriminierende
Buchstabenzutaten- eine Stufe höher, oben im universitären
Bereich als "nackten" Bachelor, den Bachelor mit
Abschlußarbeit und dann, unterschiedlich zeitlich differenziert,
den Diplomabschluß. Wir werden sicherlich neben der Umstellung
auf konsekutive drei-, vier- und fünfjährige Abschlüsse
auch in Zukunft herkömmliche Abschlüsse haben. Auch dafür
sind hier im Papier Lösungsvorschläge vorgesehen, nämlich
für eine Art "Zweitwährung" mit dem internationalen
System als Referenzsystem. Es besteht die Hoffnung, daß es
gelingt, wenn wir zu einer solchen Stufung gelangen, daß dann
generell die universitären Diplome und Magisterabschlüsse
als "Master" respektiert werden, wenn sie sich in diesen
Kontext einfügen. Das ist zur Zeit eben noch nicht gesichert,
weil das Wort Diplom im angelsächsischen Raum nicht viel anderes
bedeutet als "Urkunde aus zwei Blättern" und gelegentlich
gleichgesetzt wird mit so etwas wie dem "National Higher Diploma"
(im britischen System eine Art Fachschulabschluß). Deswegen
ist der Begriff "Diplom" leider nicht so sehr marktgängig.
Vielleicht eine letzte Bemerkung zu diesem Bild. Sie sehen rechts
ganze Spinnweben von Zugangslinien und Pfaden, die zur Promotion
führen. Vielleicht erinnern sich noch einige an eine Diskussion,
die 1994 zu Ende kam, nämlich über den "Promotionszugang
für besonders befähigte Fachhochschulabsolventen".
Das Neue -und das ist eigentlich erst am 10. November in der Rektorenkonferenz
abgesegnet worden- ist die Schiene vom MA oder analog Master of
Engineering u.ä. von der Fachhochschule hinein in die Zulassung
zur Promotion (an der Universität). Das ist eine bedeutsame
Neuerung, denn hier wird der Absolvent der Fachhochschule in eine
klare Konkurrenz zu den Absolventen der universitären Abschlüsse
eintreten. Deswegen steht hier oben, Zulassung "sur dossier",
d.h. Einzelfallprüfung ohne institutionelle Diskriminierung,
das soll heißen, es soll die persönliche akademische
Qualifikation des Bewerbers/der Bewerberin entscheiden und nicht
die Institution, die diesen Bewerber/ Bewerberin produziert hat.
Das ist für das deutsche Hochschulsystem eine Neuerung, die
natürlich noch viel Herzblutvergießen im akademischen
Disput fordern wird.
Ich
sagte schon oben, daß die Realisierungsmodelle, die gerade
für die Geistes- und Sozialwissenschaften interessant und wichtig
gewesen wären auf Wunsch einzelner Länder aus dem Papier
eliminiert worden sind. Da Sie sicher gute Beziehungen zu Ihrer
Behörde haben, kann man Ihnen gewiß das Papier verschaffen,
falls Sie daran interessiert sind. Ich persönlich bin davon
überzeugt, daß eine Struktur, die den Studierenden eine
konsekutive Möglichkeit anbietet, auch ein Stück Orientierung
an der studentischen Interessenlage bedeutet. Ich kann bis heute
nicht einsehen, warum jemand, der nicht in den staatlichen Schuldienst
eintreten möchte, gleichwohl von der Universität gezwungen
wird, zwei volle Disziplinen, oft genug nach dem System der Schulfächer
durchzustudieren. Der wesentliche Unterschied gegenüber den
Lehramtskanditaten besteht noch darin, daß die erziehungswissenschaftlichen
und gesellschaftswissenschaftlichen Anteile fehlen. Warum das so
sein muß, ist nicht recht einsichtig, außer daß
es halt schon immer so war und daß dies die Analogie zum Dienst
im Lehramt so schön widerspiegelt. Wenn man sich die Abschlußquoten
der Magisterstudiengänge anguckt, liegt der Eindruck nahe,
daß da irgendwo der Wurm drin ist, ein Mangel an "Kundenorientierung".
Ich bin nicht bereit, zu akzeptieren, daß die Mehrzahl unserer
Studierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu dumm sein
soll, um das volle Programm mit einiger Aussicht auf Erfolg zu absolvieren.
Wenn Sie die bundesweite Statistik der Magister-Absolventenzahlen
in Ihren Fächern ansehen, ist die Quote derjenigen, die den
Abschluß erlangen, beunruhigend schlecht. Die Quote stagniert
zwischen 15 und vielleicht 30 %. Dies ist bedauerlich schlecht und
ich glaube nicht, daß man dies mit der HIS-Studie über
den Verbleib der Abbrecher schön reden kann. Daß die
Rezeptur, einen dreijährigen Abschluß anzubieten, das
Problem völlig beseitigt, glaube ich nicht. Aber es würde
für viele eine stärkere interessenmäßige Orientierung
bedeuten, wenn z.B. (jetzt zitiere ich mal aus dem apokryphen Papier)
ein Bachelorabschluß angeboten wird, der sich zusammensetzt
aus einem Hauptfach und zwei Studienelementen oder einem Hauptfach
und einem Nebenfach. Das ist in 6 bis 7 Semestern durchaus darstellbar.
Wer weitergehende Interessen verfolgen möchte, sollte dies
im Master-Programm tun können. Wir haben ähnliche Dinge
auch durchgespielt für die Natur- und Ingenieurwissenschaften.
Im Prinzip ist dies zu organisieren, wenn man es ernstlich will;
wenn man freilich Gegenargumente sucht -sie fallen einem sofort
ein- dann geht man immer wieder zurück auf die Ausgangsposition
wie beim "Mensch ärgere Dich nicht". Also, wer die Modelle
widerlegen will, hat es nicht schwer. Das primitivste (und wirksamste)
Totschlagsargument (neben dem langweiligen BAT-Einwand) ist die
Behauptung, das konsekutive Modell verschlinge erhebliches zusätzliches
Geld.
Ganz
wichtig ist, das ist sicher heute vormittag schon angesprochen worden,
daß es nicht angeht, das vorhandene Curriculum nach dem sechsten
oder achten Semester einfach abzubrechen und dem davon betroffenen
Kandidaten gewissermaßen eine "akademische Notschlachtung"
zuteil werden zu lassen, auf daß er dann auf die Freibank
des Arbeitsmarktes entlassen werde. Dies wäre blanker Zynismus.
Eine ganz wesentliche Grundbedingung ist neben einer durchdachten
Profilierung eine intelligente Modularisierung der
Angebote, was bedeutet, daß der akademische Lehrkörper
und die Beschlußgremien sich auf tiefe inhaltliche und damit
unbequeme Diskussionen einlassen müssen. Es gilt, die Modularisierung
mit einer inhaltlichen Beschreibung der Module und einer entsprechend
der Arbeitsbelastung ("student load") quantifizierten
Zuordnung von Credits, also Prüfungselementen zu verbinden.
Natürlich verbunden mit dem Bemühen, ein berufsqualifizierendes
Profil daraus zu machen. Und das schließt aus, daß man
einfach nach dem sechsten Semester das consilium abeundi
mit einem schönen Zertifikat verabreicht.
Siebte
These: Diese entnehme ich nicht dem KMK-Beschluß, sondern
formuliere sie als Zusammenhangsproblem. Es spricht vieles dafür,
die Einführung der Bachelor/Master-Strukturen nicht vom Trockenboden
der gewachsenen bürokratischen Genehmigungs-prozeduren aus
zu betreiben, sondern mit einem hochschulnahen Akkreditierungsverfahren
zu kombinieren. Das Akkreditierungsverfahren müßte ganz
wesentlich von den Hochschulen selbst getragen werden. Die übliche
Prozedur, das ist in den Ländern ziemlich einheitlich, ist
doch die, daß der akademische Senat auf Initiative der Fakultät
einen Studiengang beschließt und der Präsident/die Präsidentin
den Antrag der Behörde vorlegt; dann folgt ein Verfahren, das
Sie nicht durchschauen, möglicherweise ein Teil der damit befaßten
Amtswalter auch nicht, und irgendwie wird dann entschieden. Meistens
kommt dann unter Zuhilfenahme von Finanzierungserwägungen,
vergleichender Lektüre von Rahmenordnungen, so man hat, und
einem gehörigen Schuß von Alltagswissen in einem wenig
transparenten Verfahren eine positive oder negative Entscheidung
zustande, ohne daß es dazu einen durch Expertise gesteuerten
Akkreditierungsprozeß gegeben hätte. Dies ist -vorsichtig
ausgedrückt- unbefriedigend. Es wäre höchst erwünscht,
wenn man sich schon an die ja nicht in allen Einzelheiten überschaubaren
neuen Strukturen annähert , und sei es als Parallelstruktur,
daß dann dieses monokratische Genehmigungsverfahren überlagert
wird von einem auf Initiative der Hochschule laufenden Akkreditierungsverfahren.
Das Verfahren ist für die deutsche Hochschule nicht so schwierig
wie für die US-Hochschulen oder die britischen Hochschulen,
weil das deutsche Hochschulsystem stark homogenisiert ist, -ob man
das schön findet oder nicht- es ist so. Die Unterschiede sind
relativ stark eingeebnet worden, durch die Selbstkoordinierung der
Hochschulen untereinander und die Selbstkoordinierung der Länder.
Anders als in den USA beispielsweise haben wir zwar kaum ausgeprägte
Spitzen, also international weit herausragende Hochschulen, aber
wir haben auch keine ausgesprochenen Ausreißer im Niveau sozusagen
nach unten. Die USA bieten beides. Sie haben dort viel Flachware
in der Landschaft und sie haben einige eindrucksvolle Spitzeneinrichtungen.
Beides fehlt im deutschen System, deswegen ist das Risiko, bei einer
Akkreditierung sozusagen ins Abseits zu fassen, nicht so stark wie
das vielleicht bei einem sehr heterogenen System wäre. Ich
habe vorige Woche an einer einschlägigen Diskussion mit einigen
der Hochschulleiter aus dem norddeutschen Raum über die Idee
teilnehmen können und möchte Sie ermutigen, die Diskussion
auch hier aufzugreifen: Ich meine, wir sollten uns in Norddeutschland
eine regionale Akkreditierungsagentur leisten, die für
die norddeutschen Länder (und die, die dazu kommen möchten)
die Akkreditierung übernimmt. Auf Sicht sollte das Akkreditierungsverfahren
das staatliche Genehmigungsverfahren verdrängen. Nämlich
dann, wenn das Finanzierungssystem auf Kennzahlen und formelgebundene
Zuweisungen umgestellt ist, gibt es eigentlich keinen vernünftigen
Grund, daß die Amtswalter in den Ministerien über die
Zweckmäßigkeit dieses oder jenes Studienangebots abschließend
befinden. Ich halte es für rational, daß es zwischen
den Hochschulen eine Instanz geben muß, die als Akkreditierungsinstanz
diese Zweckmäßigkeitserwägungen trifft. Das könnte
eine Einrichtung der norddeutschen Länder sein, zusammen vielleicht
mit den Niederländern, zu denen wir intensivere Beziehungen
haben, eventuell mit Flandern, zweckmäßigerweise in Abstimmung
mit Einrichtungen aus dem Vereinigten Königreich. Wo wir gerade
in Hamburg sind mit seinen Verbindungen nach Norden: Vielleicht
sollte man auch Dänemark, Schweden und Finnland in das Konzept
einbeziehen.
Jetzt
zum Schluß als Abgesang die Frage: Wo tut die Reform denn
weh?
Erster
Schmerzpunkt: In den Entschließungen der Rektorenkonferenz
ist die Frage des Übergangs vom Bachelor zum Master angesprochen,
in dem KMK-Papier nur vage angedeutet. Die Rektorenkonferenz hat
ausdrücklich erklärt, der Übergang von der Bachelor-
zur Masterphase müsse verbunden werden mit einer Eignungsfeststellung
durch die Hochschule. Also kein automatischer Übergang von
einer Phase in die andere. Ich will persönlich sagen, daß
ich Sympathie für eine solcher Prozedur habe, aber ich weiß,
daß das hochschulpolitischen Staub aufzuwirbeln geeignet ist.
Zweiter
Punkt: Man wird sich, auch wenn man das internationale Vorbild nimmt,
an die Vorstellung gewöhnen müssen, daß es bestimmte
Master-Programme berufsbegleitender Art gibt, die mit Gebühren
oder Entgelten einhergehen. Denken Sie an die MBA-Programme, die
international mit kostendeckenden Gebühren vermittelt und nicht
verschenkt werden. Die deutsche Hochschule verschenkt solche Leistungen
an Erwerbstätige im allgemeinen, allenfalls ist eine Anerkennungsgebühr
vorgesehen, aber nicht kostendeckende Gebühren. Warum eigentlich?
Dritter
Punkt: Die Master-Programme sind natürlich nicht isoliert,
sondern als Teil eines konsekutiven Modells anzusehen. Das bedeutet,
daß wir uns bei der Ausbildungsförderung darauf berufen
müssen, daß das BAFöG beide Abschlüsse, wenn
sie denn angestrebt werden, abdeckt. Es wäre ein desaströser
Ausgang der Diskussion, wenn die Finanzminister die Gelegenheit
zu neuen Kürzungen nutzen oder mißbrauchen würden.
Insofern müssen wir der laufenden BAFöG-Novelle, die dieses
Problem klären soll, einen raschen Erfolg wünschen.
Vierte
und letzte Bemerkung: Die Umrüstung auf die hier skizzierte
Struktur bedeutet den Abschied von vielen Illusionen. Sie bedeutet
eine Stärkung des Wettbewerbs im Sinne der Transparenz. Und
Wettbewerb bedeutet natürlich auch Konkurrenz um Ressourcen.
Ich
will hier schließen, damit Sie ausreichend Gelegenheit haben,
Fragen zum Sachverhalt zu stellen und damit Raum für die Diskussion
bleibt. Ich hoffe, daß Sie danach auch genügend Stoff
für Ihre Arbeitsgruppen mitnehmen können.
Philipp Busch
Baccalaureus?
Ja, aber ...!
Argumente
und Positionen aus der Diskussion in den Arbeitsgruppen
Einleitung
Stellen
gestufte Studienabschlüsse eine Möglichkeit für geistes-
und sozialwissenschaftliche Studiengänge dar? Dieser Frage,
die über der gesamten Tagung stand, gingen die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer auch in vier nach Fächergruppen zusammengesetzten
Arbeitsgruppen nach. In den moderierten Gesprächsrunden wägten
sie das Für und Wider gestufter Abschlüsse ab und erörterten
die Gestaltung entsprechender Curricula.
Zum
einen trafen sich Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften; diese wurde Arbeitsgruppe von Yorck Hener
(Oldenburg) moderiert und von Michael Erdmann (Kiel) protokolliert.
Eine weitere Gruppe setzte sich aus Lehrenden der Philologien und
Sprachwissenschaften zusammen; hier übernahm Dr. Sabine Teichmann
(Rostock) die Gesprächsleitung, Renate Ruhne (Hamburg) hielt
die Ergebnisse protokollarisch fest. Der Möglichkeit gestufter
Studienabschlüsse in den Geschichts- und Kulturwissenschaften
widmete sich die dritte Arbeitsgruppe, die von Louis Voegelin (Bremen)
geleitet und von Philipp Busch (Rostock) protokolliert wurde. Eine
vierte Arbeitsgruppe schließlich setzte sich aus Vertreterinnen
und Vertretern der Erziehungswissenschaften und der Theologie zusammen;
die Moderation übernahm Dr. Luzia Vorspel (Kiel), die Aufgabe
des Protokollierens fiel Dr. Petra Schierholz (Bremen) zu.
Bei
allen Unterschieden im Verlauf der Gespräche in den einzelnen
Arbeitsgruppen zeigte sich im abschließenden Plenum eine große
Gemeinsamkeit: Während durchaus Defizite im derzeitigen Studiensystem
gesehen werden, herrscht doch einige Skepsis, ob diese Mängel
durch die Einführung gestufter Studienabschlüsse behoben
werden können.
Die
Diskussion in den Arbeitsgruppen konzentrierte sich vor allem auf
den Baccalaureus, der gestufte Studienabschlüsse und damit
verbundene kürzere Studiengänge geradezu symbolisiert:
Inwieweit ist im allgemeinen -hochschulpolitisch- und im besonderen
-fachbezogen- der Baccalaureus als erster berufsqualifizierender
Abschluß geboten und sinnvoll? Und wenn der Baccalaureus eingeführt
wird: welchen Kriterien muß er dann entsprechen? Diese beiden
Fragen geben die Themenkomplexe an, um die sich der Austausch der
Argumente in den vier Arbeitsgruppen bewegte.
Vielleicht
sollte die Rede vom Austausch der Argumente noch zugespitzt und
vom Nebeneinander- oder sogar Gegenüberstellen der Argumente
gesprochen werden: In allen Arbeitsgruppen fand sich zu beinahe
jeder Position eine Gegenposition.
Pro
und Kontra die Einführung des Baccalaureus
Kontrovers
verlief die Debatte in den Arbeitsgruppen vor allem in der Begründung
von Sinn und Nutzen der Einführung von gestuften Abschlüssen:
Sowohl in der Bestandsaufnahme der Defizite der aktuellen Curricula
als auch in der Einschätzung, ob eine Stufung der Abschlüsse
in der Lage seien, diesen Mängeln zu begegnen, stand häufig
Meinung gegen Meinung.
Baccalaureus
und Internationalisierung
Eine
große Rolle spielte wie generell in der aktuellen hochschulpolitischen
Debatte der Verweis auf die fehlende internationale Kompatibilität
der deutschen Studienabschlüsse. Die deutschen Hochschulen
gerieten auf dem internationalen (Aus-) Bildungsmarkt immer mehr
in eine Außenseiterposition, wurde in den Arbeitsgruppen argumentiert.
Das
anglo-amerikanische System gestufter Studienabschlüsse habe
sich international zu Lasten des deutschen Studiensystems einstufiger
Abschlüsse durchgesetzt. Die Attraktivität deutscher Hochschulen
für ausländische Studierende lasse nach, da ihre mitgebrachten
Studienleistungen -bspw. ein Bachelor-Abschluß- an deutschen
Hochschulen nicht adäquat anerkannt würden. Zugleich müßten
deutsche Studierende an ausländischen Universitäten Nachteile
in Kauf nehmen, weil sie ohne Studienabschluß nicht in Master-Programme
Aufnahme fänden und das deutsche Diplom keine angemessene Wertschätzung
erfahre.
Aus
diesen Gründen müsse sich das deutsche Studiensystem durch
die Einführung des Baccalaureus dem vorherrschenden System
gestufter Abschlüsse annähern, wenn nicht anpassen.
Diese
Argumentation stellte der Hinweis auf abweichende persönliche
Erfahrungen in Frage. Deutsche Studierende seien im Ausland sehr
wohl aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit anerkannt. Außerdem
bestanden grundsätzliche Zweifel, daß tatsächlich
weniger ausländische Studierende an deutsche Universitäten
kämen.
Zusätzlich
wurde als eine Ursache für die mangelnde Präsenz ausländischer
Studierender an deutschen Hochschulen die fehlende Attraktivität
der deutschen Sprache ausgemacht. Durch den Abbau der Goethe-Institute
im Ausland würde die Verbreitung deutscher Sprachkenntnisse
noch stärker zurückgehen.
Schließlich
wurde anderen Maßnahmen zur Internationalisierung gegenüber
dem Baccalaureus der Vorzug gegeben: die Lehre lasse sich inhaltlich
und durch fremdsprachliche Lehrveranstaltungen vermehrt international
ausrichten; die Vermittlung von Fremdsprachenkompetenz könnte
intensiviert werden; die Einführung des European Credit Transfer
System erleichtere den internationalen Studierendenaustausch.
Baccalaureus
und Studienabbrecher
Ein
weiteres Motiv, gestufte Studienabschlüsse zu begrüßen,
lag in der erschreckend hohen Abbrecherquote in den geisteswissenschaftlichen
Studiengängen. Teilweise, so wurde berichtet, verließen
bis zu 80 % eines Anfängerjahrgangs die Universität ohne
Abschluß.
Der
Baccalaureus nehme als sogenannter "kleiner Studienabschluß"
den Studienabbrechern das Stigma des Versagens und zeige ihnen,
daß die Studienjahre keine verlorene Lebenszeit waren. Er
biete die Chance für einen würdigen Umstieg in den Beruf.
Die
Möglichkeit eines solchen Abschlusses dränge sich auch
auf, weil häufig Studienabbrecher nach dem erfolgreichen Einstieg
in einen Beruf bei den Hochschulen einen Nachweis der bis zum Verlassen
der Universität erbrachten Leistungen nachfragten, um diesen
bei ihren Arbeitgebern vorzulegen.
Gleichwohl
wurde auch hier Skepsis laut: Der Großteil der Studienabbrecher
verlasse die Universität bereits im Grundstudium. Es sei nicht
zu erwarten, daß der Baccalaureus die Entscheidung gegen die
Fortsetzung des Studiums nachhaltig beeinflussen könne. Vielmehr
gleiche der Baccalaureus einer "Mogelpackung": den Studienabbrechern
nütze der kleine Abschluß wenig, er helfe lediglich den
Universitäten, ihre Statistiken zu schönen.
Baccalaureus
und studentische Nachfrage
Noch
grundsätzlichere Fragen zielten darauf, ob auf Seiten der Studierenden
überhaupt ein Bedarf an gestuften Studienabschlüssen vorhanden
ist.
Es
fehlten entsprechende "Marktanalysen" und gesicherte empirische
Erkenntnisse. Zudem vermittelten viele Studierende den Eindruck,
den Baccalaureus zunächst einmal abzulehnen.
Dem
wurde entgegengehalten, daß gerade die Studierenden ein Interesse
an Studiengängen zeigten, die sich durch stärkere Anwendungs-
und Berufsfeldorientierung sowie die Vermittlung "weicher"
Zusatzqualifikationen auszeichneten. Diese Studierenden erwarteten
von der Universität eine praxisorientierte Ausbildung anstelle
einer umfangreichen und langwierigen Vorbereitung auf eine wissenschaftliche
Laufbahn, die sie gar nicht anstreben. Diesen Ansprüchen werde
ein Baccalaureus-Studiengang viel eher gerecht als das Diplom- bzw.
Magisterstudium in der bisherigen Form, zumal lange Studienzeiten
und das daraus resultierende hohe Alter der Absolventen einen erfolgreichen
Übergang in den Beruf erschwerten.
Als
ein Beispiel wurden positive Erfahrungen mit dem Baccalaureus in
Sinologie und Japanologie genannt, die von Studierenden anderer
Fächer gezielt zum Erwerb von Kulturkreiskompetenz genutzt
würden. Allerdings habe der Baccalaureus in diesem Fall eher
den Charakter einer Zusatzqualifikation.
In
diesem Zusammenhang wurden zwei einander in ihren Konsequenzen verstärkende
Bewegungen in die Diskussion eingebracht: Zum einen stiegen die
Ansprüche an wissenschaftliche Hausarbeiten und die Standards
in den Abschlußprüfungen auf ein immer höheres Niveau;
zum anderen verschlechtere sich parallel dazu die in der gymnasialen
Oberstufe vermittelte Leistungsfähigkeit der Studienanfänger
zusehends. Im Resultat entwickle sich der Studienabschluß
zu einer sukzessive unüberwindlicher werdenden Hürde,
die die Studierenden verbunden mit der Angst vor einer unsicheren
beruflichen Zukunft überfordere und zurückschrecken
lasse.
Der
Baccalaureus könnte als Mittel dienen, die Ansprüche zurückzuschrauben
und den minder befähigten Studierenden, die besonders die Sprachwissenschaften
belasteten, den Universitätsabschluß zu erleichtern.
Für die begabteren Studierenden stünde der Magister bzw.
das Diplom weiterhin offen. Allerdings dürfe, so wurde eingeschränkt,
der Baccalaureus nicht zu einer Zulassungsvoraussetzung für
das Magister- bzw. Diplomstudium erhoben werden.
Der
Baccalaureus wurde auch als Chance zur Flexibilisierung des Universitätsstudiums
gesehen. So war eine Meinung, daß der Erwerb eines Magisters
bzw. eines Diploms auch Baccalaureus-Absolventen der Fachhochschulen
offen stehen solle.
Auch
im Sinne des "life-long-learning" könnte der Baccalaureus
ermöglichen, daß Absolventen nach dem ersten Abschluß
zunächst für einige Jahre in die Berufspraxis wechselten,
um anschließend erneut an die Universität zu gehen und
weitere Qualifikationen zu erwerben.
Baccalaureus
und Qualifikation
Gegen
diese Befürwortung von gestuften Studienabschlüssen standen
erhebliche Zweifel, ob der Baccalaureus sich auf dem Arbeitsmarkt
in Deutschland durchsetzen könne.
Gerade
in der derzeitigen Situation gerieten die Absolventen eines "Schmalspur"-Studiums
in Konkurrenz zu Absolventen der gleichen Studienrichtung, die ein
Diplom bzw. den Magister oder sogar eine Promotion vorweisen könnten.
Es stehe sehr in Zweifel, ob sich die Baccalaurei allein aufgrund
ihres geringeren Alters gegenüber den besser qualifizierten
Konkurrenten um die wenigen Arbeitsplätze behaupten könnten
oder nicht viel eher von der Universität in die Arbeitslosigkeit
wechselten.
Weitere
Bedenken wurden hinsichtlich der beruflichen Qualifikation angemeldet,
die ein Baccalaureusstudium vermitteln könne. Es sei nur schwer
vorstellbar, in sechs Semestern beispielsweise in einem sprachwissenschaftlichen
Fach ein adäquates Fremdsprachenverständnis zu entwickeln
und gleichzeitig noch den Erwerb von Zusatzqualifikationen und Persönlichkeitsbildung
zu ermöglichen.
Solch
einem Curriculum drohe die Verschulung, die auf Kosten der Wissenschaftlichkeit
ginge, die einem Universitätsstudium aufgrund des überbrachten
Universitätsverständnisses eignen sollte. Es bestünde
die Gefahr, das Universitätsstudium durch den Baccalaureus
generell zu entwerten.
Ein
gangbarer Weg wurde darin gesehen, die traditionellen Abschlüsse
durch berufsfeldorientierende Elemente anzureichern, die Vermittlung
von Schlüsselqualifikationen wie Sprach- und PC-Kenntnisse
und soziale Kompetenzen zu stärken. Zusätzlich könnte
die Studien- und Berufsberatung -von der gymnasialen Oberstufe bis
zum Übergang in den Beruf- intensiviert werden.
Überlegungen
zur Struktur des Studiums bis zum Baccalaureus
Trotz
der zum Teil grundsätzlichen Zweifel an Sinn und Nutzen des
Baccalaureus fand in den Arbeitsgruppen ein lebhafter Austausch
darüber statt, welchen Anforderungen das Curriculum eines entsprechenden
Studienganges erfüllen sollte. Angeregt wurde der Austausch
auch durch Berichte über praktische Erfahrungen mit bereits
erfolgten Einführungen gestufter Studienabschlüsse.
Als
ein pragmatisches Kriterium wurden dabei die beschränkten finanziellen
und personellen Ressourcen der Universitäten angeführt.
Die ohnehin ausgereizten Kapazitäten verböten es, den
Baccalaureus mit einem zu den übrigen Abschlüssen parallel
laufenden, eigenen Studiengang zu verknüpfen. Die so entstehenden
zusätzlichen Belastungen durch weitere Lehr- und Prüfungsverpflichtungen
könnten nicht getragen werden, zumal ein -in seinen Erfolgsaussichten
allerdings anzuzweifelndes- Ziel der gestuften Studienabschlüsse
auch in der finanziellen Entlastung der Hochschulen liegen sollte.
Vor
diesem Hintergrund lag die Bevorzugung einer möglichst nahtlosen
Einfügung des Baccalaureus in die bestehenden Studiengänge
und Lehrangebote nahe.
Die
wünschenswerte Beibehaltung der Durchlässigkeit zwischen
Magister- bzw. Diplom- und Lehramtsstudium sprach ebenfalls für
ein integratives Modell ohne größere Änderungen
im Studienaufbau.
Das
"Augsburger Modell", das für eben dieses pragmatische
Vorgehen steht, fand jedoch kaum Zustimmung. Eine bloße Umbenennung
des Vordiploms in Baccalaureus lehnte die große Mehrheit ab.
Statt
dessen wurde für die Konzeption eines eigenständigen,
neuartigen Studienganges zum Baccalaureus plädiert. Diesem
Abschluß müßten klar erkennbar andere Inhalte und
Strukturen zugrunde liegen als den übrigen Studienabschlüssen.
Nur über eine deutliche eigene Qualität könne der
Baccalaureus für Studierende und mögliche Arbeitgeber
an Attraktivität gewinnen. Dabei sei genau zu klären,
welche inhaltlichen und qualitativen Kriterien ein solcher Studiengang
erfüllen muß und in welcher Art die -bundesweite?- Akkreditierung
erfolgen kann.
In
diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, daß in Großbritannien
der Bachelor keinesfalls einen an allen Hochschulen einheitlichen
Abschluß darstelle, sondern die entsprechenden Studiengänge
sich in Zeitdauer und inhaltlichem Umfang durchaus unterschieden.
In
der Abstimmung des Baccalaureus mit den Zwischenprüfungen der
bestehenden Studiengänge wurde ein gesondertes Problem gesehen.
Es mache wenig Sinn, zwei Semester nach der Zwischenprüfung
mit dem Baccalaureus eine weitere Prüfung einzuführen,
die -gerade wenn sie auch eine wissenschaftliche Abschlußarbeit
umfassen solle- auf dem Weg zum Magister bzw. Diplom zwangsläufig
zu einer unerwünschten Studienzeitverlängerung führe.
Auch
deshalb dürfe der Baccalaureus, wenn er in bestehende Studiengänge
eingefügt wird, nicht zur verpflichtenden Voraussetzung für
den Erwerb des Magisters bzw. Diploms werden, sondern könne
lediglich eine Option darstellen.
Außerdem
sei zu überlegen, wie das Verhältnis von zwei oder drei
Fächern in einem in das Magisterstudium integrierten Baccalaureusstudium
gestaltet werden solle. Als ein Problem würde es sich erweisen,
wenn nicht alle Fächer gleichzeitig den Baccalaureus einführen
und so in einem Mehr-Fach-Studium bestimmte Fächerkombinationen
verhindert würden.
Für
die Konzeption eines Curriculums wurde die völlige Neuordnung
des vorhandenen Lehrangebotes zu einem eigenen Studiengang bevorzugt.
Über Modularisierung und ein Kreditpunktesystem könne
das Lehrangebot in einzelne, studienbegleitend abprüfbare Einheiten
aufgegliedert werden. Nach bestimmten Regeln könnten die Studierenden
diese Module eventuell auch interdisziplinär über Fachgrenzen
hinweg kombinieren und so die gewünschte Qualifikation
bspw. den Baccalaureus erwerben. Die Modularisierung erlaube es
im übrigen auch, eventuell Leistungen aus der gymnasialen Oberstufe
im Grundstudium anzuerkennen oder den Quereinstieg in ein Fachstudium
zu flexibilisieren.
Mit
diesen Strukturmaßnahmen müßte eine Intensivierung
der Studienberatung sowie die vermehrte Vermittlung von Schlüsselqualifikationen
einhergehen.
Die
allgemeinen Überlegungen zu möglichen Strukturen eines
entsprechenden Curriculums konnten die Bedenken gegenüber dem
Baccalaureus weder ausräumen noch leugnen. Die grundsätzliche
Frage, ob in einem solchen Studiengang sowohl hinsichtlich der Wissenschaftlichkeit
des Universitätsstudiums als auch der vom Arbeitsmarkt erwarteten
Berufsqualifikation adäquate (Aus-) Bildung vermittelt werden
kann, blieb nach der Gesprächsrunde in den Arbeitsgruppen -vor
allem auf fachlicher Ebene- ohne eindeutige Antwort.
Fazit
In
den Arbeitsgruppen wurde auch von den vor Ort geplanten oder bereits
eingerichteten gestuften Studiengängen positiv berichtet
doch die Argumentationen und Positionen hinterlassen den vorherrschenden
Eindruck, daß noch das "aber" das "ja"
zur Einführung des Baccalaureus übertönt.
Skepsis
und Widerstand gegen den kleinen Abschluß erklären sich
zu einem guten Teil daraus, daß die oft als "von außen
aufgedrückt" erfahrene Debatte um gestufte Studienabschlüsse
die Strukturen der universitären (Aus-) Bildung und damit das
Selbstverständnis der Universitäten berührt.
Neben
den in den Arbeitsgruppen geäußerten Bedenken, für
wen ein Baccalaureus wozu von Nutzen sein könnte, müßten
in der weiteren Diskussion vor allem die strukturellen Konsequenzen
der möglichen Einführung gestufter Studienabschlüsse
weiter erörtert werden.
Die
Stichworte modularer Aufbau, studienbegleitende Prüfungen,
Kreditpunkte, Flexibilisierung der Studienformen und Durchlässigkeit
der Studiengänge wurden in den Gesprächsrunden genannt.
Die damit einhergehenden Reformen können entweder als erfreuliche,
schon lange anstehende Strukturierung der geisteswissenschaftlichen
Studiengänge begrüßt oder als der Fachkultur inadäquate
"Verschulung" abgelehnt werden. Einer entsprechenden Debatte
müssen sich die Geisteswissenschaften auch unabhängig
vom Thema Baccalaureus stellen.
Das
in den Arbeitsgruppen nur am Rande berührte Verhältnis
zu den Fachhochschulen betrifft die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
stärker. Neben der in den Arbeitsgruppen aufgegriffenen Frage,
ob die Universitäten den Baccalaureus-Absolventen der Fachhochschulen
generell das Weiterstudium zu einem universitären Abschluß
ermöglichen sollen, steht die Problematik zur Debatte an, wie
weit sich die Universitäten mit anwendungsorientierten Studiengängen
dem Studienangebot der Fachhochschulen annähern und ob dies
wünschenswert ist.
Ebenfalls
noch stärker zu diskutieren ist das Verhältnis des Baccalaureus
zum Magister bzw. Diplom. Aus den Arbeitsgruppen wurde einerseits
die Position vertreten, daß der erfolgreiche Baccalaureus
nicht Zulassungsvoraussetzung für einen Magister- bzw. Diplomabschluß
werden dürfe. Andererseits wurde die Meinung laut, die Einführung
des Baccalaureus empfehle sich für minderbegabte Studierende.
Daraus könnte im Umkehrschluß folgen, daß das Magister-
bzw. Diplomstudium den leistungsfähigeren Studierenden vorbehalten
werden und der Baccalaureus so zur Elitebildung beitragen sollte.
Hier wäre zu klären, inwieweit der Baccalaureus wirklich
zur Auslese beitragen soll.
Das
Augenmerk sollte sich schließlich auf die langfristig denkbare
Entwicklung richten, in deren Folge der Baccalaureus die bisherigen
Abschlüsse nicht als Option ergänzt, sondern ersetzt.
Als Resultat könnte allein das Studium bis zum Abschluß
des Baccalaureus als grundständiges gelten, während Diplom
bzw. Magister zum Ziel eines Aufbaustudiums würden.
Die
finanziellen Konsequenzen lägen möglicherweise in einer
Beschränkung der BAFöG-Förderungshöchstdauer
auf die Regelstudienzeit bis zum Abschluß des Baccalaureus
sowie in der Einführung von Studiengebühren für das
"Aufbaustudium" zum Magister bzw. Diplom.
Die
inhaltlichen und fachlichen Konsequenzen einer langfristigen Beschränkung
der universitären (Aus-) Bildung auf das Baccalaureusstudium
hätten noch größere Auswirkungen auf das (Selbst-)
Bild der Universitäten. In den Arbeitsgruppen wurde diese Problematik
durchaus gesehen und allgemein der Verlust der Wissenschaftlichkeit
und eine drohende Entwertung des Universitätsstudiums gesehen.
Die
Debatte innerhalb der Fächer, wie die bislang auf in der Regel
neun Semester konzipierte Vermittlung von Methoden- und Fachkenntnis
innerhalb von sechs Semestern zu leisten sein soll, steht erst noch
bevor. Diese Debatte wird um so schwerer fallen, wenn der Baccalaureus
nicht mehr nur ein alternativer, sondern der regulär vorgesehene
Abschluß eines Universitätsstudiums sein wird.
Matthias Jantzen
Das
Baccalaureat am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg
Seit
Mitte Oktober 1997 können Studierende der Informatik ein Baccalaureat
erwerben (abgekürzt: B.Sc. für Baccalaurea Scientiae bzw.
Baccalaureus Scientiae, womit die Inhaberin
beziehungsweise der Inhaber dieses untersten akademischen Abschlusses
bezeichnet sind). Die Behörde für Wissenschaft und Forschung
genehmigte den neuen Studienabschluß zunächst befristet
auf fünf Jahre. Damit ist der Fachbereich Informatik an der
Universität Hamburg der erste, der diesen Abschluß vergeben
kann und unter den Informatik Fachbereichen sogar der erste in Deutschland.
Das
Baccalaureat ist in den Diplomstudiengang nach geltender Prüfungsordnung
integriert worden. Zum Erwerb des Baccalaureats sind das Vordiplom
und ein Teil der Studien- und Prüfungsleistungen des Hauptstudiums
erforderlich: zwei der vier für das Diplom erforderlichen mündlichen
Prüfungen sowie eine schriftliche Studienarbeit. Mit dem Baccalaureat
wird das Erreichen einer wissenschaftlichen Grundqualifikation jenseits
des Vordiploms bescheinigt. Die Studiendauer ist auf sechs bis sieben
Semester ausgerichtet. Das Informatik-Baccalaureat soll Studierenden,
die bereits während ihres Studiums eine erfolgreiche Berufstätigkeit
aufnehmen oder sich selbständig machen wollen eine neue Abschlußmöglichkeit
geben, wenn diese den Diplomabschluß nicht mehr anstreben.
Sie müssen dann nicht mehr wie Studienabbrecher ohne Abschluß
behandelt werden. Außerdem soll Studierenden der Wechsel an
ausländische Hochschulen, an denen der "Bachelor"-Abschluß
als erster Abschluß die Voraussetzung für ein weiteres
Studium ist, erleichtert werden. Der Fachbereich Informatik betrachtet
den Baccalaureatsabschluß nicht als das Ende eines vom Diplomstudiengang
verschieden Studienganges, sondern erlaubt und empfiehlt die Weiterführung
des Studiums bis zum Diplom. In diesem Sinne wird hier ein konsekutiver
Studiengang angestrebt [vergl. Hochschulrahmengesetz §19(4)].
Nach
dem (damals nur als Entwurf bekannten) Hochchulrahmengesetz (abgekürzt
HRG)wird in §19(2) eine Formulierung verwendet, die den Baccalaureus-Grad
als ersten berufsqualifizierenden Abschluß erscheinen läßt.
Dies
ist für sich genommen gar nicht so verkehrt, sondern der Intention
entsprechend auch erwünscht. Es hat jedoch weitreichende Konsequenzen,
wenn der Terminus "berufsqualifizierender Abschluß "
in Studien- und Prüfungsordnungen verwendet wird, denn die
BAFöG-Förderung dauert längstens bis zum ersten berufsqualifizierenden
Abschluß. Da die BAFöG-Regelung bisher nicht an konsekutive
Studiengänge, wie sie auch das neue Hochschulrahmengesetz kennt
[HRG §19(3)], angepaßt wurde, hat der Fachbereich Informatik
jeglichen Hinweis darauf in seinen Formulierungen vermieden. Tatsächlich
wurde dem Planer des Fachbereichs Informatik mitgeteilt, daß
eine Hamburger Richtlinie zur Durchführung der Studienförderung
strikt auf die Einhaltung dieser zeitlichen Obergrenze "erster
berufsqualifizierenden Abschluß " dringt.
In
der kurzen Zeit des halben Jahres nach Einführung des Informatik-Baccalaureats
wurden schon sechs solche Abschlüsse verliehen. Es gab auch
Anfragen von Studierenden anderer Universitäten danach, wie
sie diesen Abschluß in Hamburg erhalten könnten, wenn
sie danach weiter an ihrer Heimatuniversität studieren wollten.
Hier deutet sich die Notwendigkeit der gegenseitigen Anerkennung
dieser Abschlüsse innerhalb Deutschlands und im internationalen
Vergleich an. Ist es richtig, jeden Bachelor-Abschluß einer
ausländischen Universität als Baccalaureus-Grad anzuerkennen,
und wird dieser auch umgekehrt als Bachelorgrad anerkannt werden?
Weiterhin werden die Abschlüsse der Fachhochschulen im Vergleich
zu den Universitäten hinzukommen. Welche Anrechnungs- oder
Anerkennungsmaßstäbe werden (politisch) gewünscht
und sind inhaltlich begründbar? Die Erfahrungen sind in Zukunft
in die wechselseitigen Anerkennungsmodi einzubringen und umzusetzen!
Trotz
des noch nicht verstrichenen Zeitraums von fünf Jahren zum
Sammeln dieser und weiterer Erfahrungen und trotz des Hochschulrahmengesetz(-entwurf)es,
welches den Master- und Magistergrad als weiteren berufsqualifizierenden
Abschluß kennt [HRG §19(3),(4)], wurde im Fachbereich Informatik
ein vollständig neues Informatik-Curriculum erarbeitet und
im Januar 1998 eine neue Studienordnung beschlossen, die zum Wintersemester
1998/99 gültig werden soll, jedoch noch im üblichen Genehmigungsverfahren
steckt. Mit dem neuen Curriculum soll ein verläßlicher
Rahmen für die Zukunft geschaffen werden, der u.a. die Transparenz
über das Studium für Lehrende und Studierende erhöht,
eine Straffung des Studiums zur Verkürzung der Studienzeit
und gleichzeitig die Flexibilisierung des Studiums hinsichtlich
der eingesetzten Zeitanteile (sog. Teilzeitstudium) ermöglicht.
Den Studierenden soll das neue Curriculum eine Profilbildung und
Studienausrichtung gemäß Berufsfeldern im Einklang mit
der aktuellen Forschung aufzeigen. Zusätzlich soll mit dem
neuen Curriculum eine Verbesserung der Leistungsüberprüfung
ermöglicht werden.
Die
Einführung eines qualifizierenden Abschlusses vor dem Diplom
(Baccalaureat) ist in dem neuen Studienkonzept eingeplant. In dem
Entwurf einer neuen Studienordnung wird mit dem Baccalaureusabschluß,
ähnlich wie in der zur Zeit gültigen Diplomprüfungsordnung,
eine wissenschaftliche und berufsbezogene Grundqualifikation in
der Informatik bescheinigt. Anstelle des Master/Magistergrades [vergl.
HRG 19(3)] wird in der neuen Studienordnung weiterhin das Diplom
als erster berufsqualifizierender Abschluß gewertet. Das Baccalaureat
kann hiernach verliehen werden, wenn nach dem bestandenen Vordiplom
vier (mündliche) Prüfungsleistungen in vier grundlegenden
Informatikgebieten (Umfang je 4 SWS) des Hauptstudiums bestanden
sind, ein Seminar (2 SWS) und ein Projekt (6 SWS) (oder Projektseminare
im Umfang von 8 SWS) erfolgreich besucht wurden sowie eine Baccalaureatsarbeit
vorliegt. Letztere entspricht hier einem in Einzelarbeit angefertigten,
ausführlichen Projekt- (bzw. Projektseminar-) Bericht. Zum
Vergleich: der Abschluß mit dem Diplom erfordert darüber
hinaus vier weitere Prüfungsleistungen in den Grundlagengebieten
der Informatik, eine weitere Prüfung über etwa 16 SWS
eines Schwerpunktgebietes zur Vertiefung, ein weiters Seminar (2
SWS) und ein Projekt (6 SWS) (oder Projektseminare im Umfang von
8 SWS), eine Diplomarbeit sowie das Studium eines Ergänzungsfaches
im Umfang von 24 SWS zu gleichen Teilen auf Grund- und Hauptstudium
verteilt. Damit ist der Baccalaureatsgrad ersichtlich unterhalb
des Diploms, aber ersichtlich über dem Vordiplom.
Die
bei der Entwicklung der neuen Studienordnung in der Informatik aufgetretenen
Schwierigkeiten resultierten einerseits aus dem Wunsch, ein zeitflexibles,
modulares Studium zu ermöglichen und dabei, andererseits, eine
von der Kultusminister- und Hochschulrektorenkonferenz beschlossene
"Rahmenordnung für die Diplomprüfung im Studiengang
Informatik- an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen"
nicht zu verletzen. In dieser Rahmenordnung ist das Baccalaureat
noch nicht enthalten, aber die Regelstudienzeiten für den Diplomstudiengang
entsprechen denen des Hochschulrahmengesetzes. In der Informatik
ist die Regelstudienzeit neun Semester. Das Hochschulrahmengesetz
nennt mindestens drei und maximal vier Jahre als Regelstudienzeit
für das Baccalaureat. Mit sechs bis sieben Semestern Studienzeit
zur Erreichung des Baccalaureats sind in der Informatik diese Vorgaben
erfüllt. Bedauerlicherweise sieht jedoch keine dieser von außen
kommenden Vorgaben explizit ein zeitflexibles, modulares Studium
vor!
[Zitat
HRG-Entwurf vom 19. 8. 1997:
§19
(1)
Zur Erprobung von Bachelor/Baccalaureus- und Master-/Magisterstudiengängen
können besondere Prüfungsordnungen erlassen werden.
(2)
Auf Grund von Prüfungen, mit denen ein erster berufsqualifizierender
Abschluß erworben wird, kann die Hochschule einen Bachelor/Baccalaureusgrad
verleihen. Die Regelstudienzeit beträgt mindestens drei und
höchstens vier Jahre.
(3)
Auf Grund von Prüfungen, mit denen ein weiterer berufsqualifizierender
Abschluß erworben wird, kann die Hochschule einen Master-/Magistergrad,
an dessen Stelle in anderen als Fachhochschulstudiengängen
auch einen Diplomgrad verleihen. Die Regelstudienzeit beträgt
mindestens ein Jahr und höchstens zwei Jahre.
(4)
Bei konsekutiven Studiengängen, die zu den Graden nach Absatz
2 und 3 führen, beträgt die Gesamtregelstudienzeit höchstens
fünf Jahre.
(5)
§11 Satz 2 gilt entsprechend.
(6)
Den Urkunden über die Verleihung der akademischen Grade fügen
die Hochschulen auf Antrag eine englischsprachige Übersetzung
bei.
HRG
§11 Satz 2 lautet:
Darüber
hinausgehende Regelstudienzeiten dürfen in besonders begründeten
Fällen festgesetzt werden; dies gilt auch für Studiengänge,
die in besonderen Studienformen durchgeführt werden.]
Jörg
Schönert
"Kleiner Abschluß"
des Hochschulstudiums statt "Abbruch"
Die
landauf, landab ermittelten Zahlen zum Studienabbruch werden insbesondere
gegenüber den Geistes- und Sozialwissenschaften als Symptome
für die unzulänglichen Ausbildungsleistungen geltend gemacht.
Diese Schelte geht jedoch von der falschen Annahme aus, daß
jeder Abbruch des Studiums "ein Scheitern" bedeute. Dabei
wird nicht berücksichtigt, daß insbesondere in den Magisterstudiengängen
die "Berufsfindung" zu den Aufgaben gehört, die vom
ersten Semester an verfolgt werden sollten. Durch Informationen
über Berufsmöglichkeiten, durch Praktika und Hospitanzen,
durch Jobs aller Art lernen Studierende den Arbeitsmarkt kennen
(dazu beispielsweise der Bericht von Tanja Jeschke -"Akademische
Viertel"- in der Wochenendbeilage der SZ vom 19./20.4.97);
sie finden vielfach bereits vor dem angestrebten Examen eine Berufsmöglichkeit,
die ihnen zusagt und für die sie das bis dahin absolvierte
Studium mit wichtigen Kenntnissen und Qualifikationen (oft im Bereich
der sog. Schlüsselqualifikationen) vorbereitet hatte. Das ursprünglich
angestrebte Magister-Examen erscheint dann nicht mehr als notwendige
und noch zu erbringende Leistung. Vielfach ergibt sich jedoch nach
einer bestimmten Zeit der beruflichen Tätigkeit der Wunsch
(oder die Notwendigkeit), für die weitere berufliche Laufbahn
das Magister-Examen noch vorzulegen. Die stigmatisierende Kennzeichnung
des Universitätsausstiegs als "Studienabbruch" trägt
häufig dazu bei, die Rückkehr an die Universität
zu verhindern.
Überlegungen
zur Konzeption eines "kleinen Abschlusses" in den Fächern,
in denen auch ein Magistergrad erworben werden kann, sollten vor
allem davon ausgehen, eine Alternative zum sog. Studienabbruch zu
eröffnen. Sie sollten nicht daraufhin angelegt werden, neben
dem Magisterstudiengang einen zweiten Abschluß über einen
"Kurzstudiengang" anzubieten, sondern als Möglichkeit
auf dem Weg zum Magister-Examen gelten- als ein Angebot, das sich
entweder wahrnehmen oder ignorieren läßt.
Im
Fachbereich 07 (Sprachwissenschaften) der Universität Hamburg
haben der Studienreformausschuß und der Ausschuß für
Akademische Prüfungsordnungen im Frühjahr 1997 auf der
Basis solcher Erwägungen das nachfolgende Konzept für
einen "kleinen Abschluß" (B.A.) entworfen. Dabei
orientierte man sich auch an der B.A.-Praxis der angelsächsischen
Universitäten, um ausländischen Studierenden, die mit
einem B.A.-Abschluß an eine deutsche Universität kommen,
eine rasche Fortführung ihres Studiums gegebenenfalls bis zum
Magister-Examen zu ermöglichen. Die Anregungen, die der DAAD
für die Verkürzung der Studienzeit ausländischer
Studierender zwischen ihrem ersten Abschluß und der Graduierung
an einer deutschen Universität vor kurzem entwickelt hat, wurden
berücksichtigt.
Ausgangspunkt
für unsere Planung war, den "kleinen Abschluß"
auf den Zeitpunkt "Zwischenprüfung plus x" festzulegen.
Der Zeitpunkt des Abschlusses sollte dann auch die Einstufung ausländischer
Studierender mit B.A.-Abschluß bestimmen, d.h. sie hätten
im Hauptfach bereits Anteile des Hauptstudiums absolviert und müßten
es im Hauptfach nur noch zum Ende führen, so daß entsprechend
mehr Zeit für das Studium eines zweiten Hauptfaches bzw. der
Nebenfächer bliebe.
"Zwischenprüfung
plus x" wurde in unseren Überlegungen so ausgefüllt,
daß neben der Zwischenprüfung im Ersten Hauptfach und
dem Abschluß des Grundstudiums im Zweiten Hauptfach in den
beiden Nebenfächern noch ein Leistungsnachweis aus dem Hauptstudium
(Seminar II) bei der Anmeldung zur Prüfung vorgelegt werden
muß. Die Prüfung besteht aus einer Klausur, die nach
dem Modus und unter den Bedingungen der Klausuren der Magisterprüfung
geschrieben werden soll. Neben der Klausur soll für den "kleinen
Abschluß" eine mündliche Prüfung (30 Minuten)
im Ersten Hauptfach stehen. Für die philologischen Fächer
des Fachbereichs 07 soll dann gelten: Wird die Klausur in der sprachwissenschaftlichen
Fachrichtung geschrieben, so ist die mündliche Prüfung
in der literaturwissenschaftlichen Fachrichtung (in "Deutscher
Sprache und Literatur" entweder Ältere oder Neuere deutsche
Literatur) abzulegen und umgekehrt.
Zur
mündlichen Prüfung kann zugelassen werden, wenn die Bewertungen
der Klausur vorliegen. Die Gesamtnote wird mit gleichen Anteilen
aus den Leistungen in Klausur und mündlicher Prüfung ermittelt,
das heißt: die Noten werden addiert und dann halbiert. Die
Prüfung ist bestanden, wenn das -auf diese Weise ermittelte-
Ergebnis den Wert 4,0 und besser erreicht. Die Gesamtnote der Prüfung
wird im Prüfungszeugnis bescheinigt. Zu den Prüfungen
des "kleinen Abschlusses" soll zweimal im Jahr zugelassen
werden: am 1. März und am 1. September. Die Prüfungen
sind dann jeweils innerhalb von 4 Monaten (also bis zum 30. Juni
bzw. bis zum 31. Dezember) abzuschließen.
Auf
keinen Fall sollte dieser "kleine Abschluß" auf
einen besonderen Studiengang (oder auf einen besonderen Zuschnitt
des Hauptstudiums) festgelegt werden; er soll gleichsam "unterwegs"
zum Magister-Examen erworben werden können. Ebenso ist auszuschließen,
daß der "kleine Abschluß" als Voraussetzung
für die Zulassung zur Magisterprüfung eingesetzt wird.
In Kauf genommen werden muß allerdings, daß Studierende
den "kleinen Abschluß" quasi als "Vorübung"
für das Magister-Examen nutzen, weil Studierende, die im B.A.-Examen
erfolgreich waren, ihre Magisterprüfung wohl "zügig"
folgen lassen werden. Wenn viele Studierende die Doppelprüfung
B.A./M.A. nutzen, verstärkt sich für die Lehrenden der
Zeitaufwand für Prüfungen. Um eine bloße "Simulation"
von Prüfungen des Magister-Examens im Zuge der B.A.-Prüfung
zu vermeiden, sollte festgelegt werden, daß diejenigen, die
auf die B.A.-Prüfung das M.A.-Examen folgen lassen, die Gegenstände
(d.h. Themenbereiche) die in der B.A.-Prüfung gewählt
wurden, nicht noch einmal für die M.A.-Prüfung heranziehen
dürfen.
Die
Vorschläge zur Gestaltung des "kleinen Abschlusses",
der in der Regel im 6. Semester erreicht werden könnte, sollen
im Verlauf des Sommersemesters 1997 im Fachbereich 07 in die Formulierungen
zu Ergänzungen für die Prüfungsordnung "M.A."
überführt und in den Fächern des Fachbereichs sowie
im Gespräch mit anderen Fachbereichen diskutiert werden.
Nachschrift
im Frühjahr 1998:
Der
Fachbereich 07 und der akademische Senat der Universität haben
mittlerweile die Regelungen, die für das ‘Baccalaureat’ in
die Magisterprüfungsordnung eingefügt worden, gebilligt.
Wir warten nun auf die Zustimmung des Hochschulamtes. Das Interesse
der Studierenden am ‘B.A’ ist groß.
Volker
Mellert
Master-Studiengang
in Science Engineering Physics der Fachhochschule Ostfriesland und
der Universität Oldenburg
Beide
Hochschulen haben erfolgreich gemeinsam beim DAAD beantragt, einen
auslandsbezogenen Studiengang in dem gleichnamigen Programm (sog.
AS-Programm) gefördert zu erhalten. Ausgangspunkt der Beantragung
war eine seit längerem erfolgreiche Zusammenarbeit des Fachbereichs
naturwissenschaftliche Technik der Fachhochschule in Emden (FHO)
und des Fachbereichs Physik der Carl von Ossietzky Universität
(UOl). An der FHO ist die Lasertechnik ausgewiesener Forschungs-
und Ausbildungsschwerpunkt, neben der Materialbearbeitung insbesondere
auch in der Medizintechnik und allgemeinen optischen Meßtechnik.
An der UOl weist die Angewandte Physik Schwerpunkte in der (technischen)
Akustik, der kohärenten Optik und der medizinischen Physik
aus. Bei dieser Anwendungsorientierung lag es nahe, gundlegende
Fragestellungen aus dem Interessensgebiet der Universität mit
konkreten Realisierungen im Arbeitsgebiet der Fachhochschule zu
verbinden. Selbstverständlich erwächst ein derartiger
Kooperationsbezug nur über eine mehrjährige Zusammenarbeit
auf einem auch durch die beteiligten Hochschullehrer getragenen
Arbeitszusammenhang, etwa bei der Betreuung exzellenter Fachhochschulabsolventen
in einer weiterführenden Promotion.
Die
inhaltlichen Voraussetzungen waren daher durchaus günstig,
den Versuch eines gemeinsamen Studienganges zu wagen, der rein formal
dem Konzept üblicher bundesdeutscher Hochschulausbildungsgänge
widerspricht (von einigen umstrittenen Versuchen innerhalb verordneter,
vergangener Integrationsbemühungen abgesehen). Die durch vorhandene,
anerkannte Schwerpunktsetzungen beider Hochschulen gegebene Nähe
wird in internationaler, nicht deutsch eingeengter Sicht augenfällig:
Die FHO als "University of Applied Science" arbeitet selbstverständlich
mit der "University of Oldenburg" in "Applied Physics"
zusammen und bietet drei Studienschwerpunkte im auslandsbezogenen
Studiengang (AS) an: "Laser Technology", "Biomedical Physics"
sowie "Sound & Vibration".
Der
mit rund 2 Mio. DM geförderte AS muß allerdings weitestgehend
auf die vorhandenen Diplomstudiengänge an beiden Hochschulen
abgestimmt werden. Sonst ist weder die Zustimmung der zuständigen
Gremien in den Hochschulen (und bei den skeptischen Kolleginnen
und Kollegen) noch die Zustimmung des gemeinsamen Ministeriums für
Wissenschaft und Kultur zu erreichen, die ja nicht nur formal erzielt
werden muß, sondern auch das inhaltliche Engagement aller
zur Durchführung des AS einzufordern hilft.
Diese
schwierige und im Detail noch nicht vollständig gelöste
Aufgabe wurde dadurch bewältigt, daß nicht ein einzelner,
grundständiger Masterstudiengang eingerichtet wurde sondern
ein dreifach gegliederter. Nach dem viersemestrigen Grundstudium,
das mit einem im internationalen Vergleich üblichen System
an Credits eine Zwischenprüfung abschichtet, müssen sich
die Studierenden für eine der drei Säulen entscheiden:
Je nach Neigung und Kenntnis wird entweder der Bachelor of Engineering
nach zwei weiteren Studiensemestern angeboten oder aber nach vier
weiteren Semestern das Studium mit dem Master of Engineering oder
nach sechs weiteren Semestern der Master of Science erreicht. Bachelor
und Master of Engineering werden explizit in einem der drei Studienschwerpunkte
erzielt und als solche auch ausgewiesen. Der Master of Science Engineering
Physics wird mit seinem zehnsemestrigen Studium äquivalent
dem Diplom in (angewandter) Physik sein und zur Promotion berechtigen.
Als tragendes Rückrat zieht sich durch das Studium ab dem zweiten
Semester ein projektstudiumartiges "Laboratory Project". Alle
Studierenden werden gemeinsam eine beträchtliche Zahl von Ausbildungsstunden
in dem Projektstudium verbringen und dort ihren Qualifikationen
entsprechende Aufgaben zu bewältigen haben. Es liegt auf der
Hand, ältere Semester zur gezielten Betreuung jüngerer
heranzuziehen. Selbstverständlich ist ein hinreichender Finanzierungsumfang
für unterstützende Tutoren unabdingbar. Es wird erwogen,
diese Gelder ggf. auch zur Unterstützung fortgeschrittener
Studierender selbst einzusetzen, die im Projekt entprechende Betreuungsaufgaben
übernehmen.
Die
fachliche Entscheidung für eine der drei inhaltlichen Studienrichtungen
Laser Technology, Biomedical Physics und Sound & Vibration bestimmt
auch den Ort des in den AS integrierten Auslandsaufenthalts. Dank
zahlreicher fachlicher Verbindungen der beiden Hochschulen zu renommierten
ausländischen Ausbildungsstätten ist es möglich,
sämtliche Studierende in ihrem fünften Fachsemester auf
eine ausländische Universität zu entsenden, um Grundlagenwissen
in dem jeweiligen Schwerpunkt zu erwerben. In der vorstehenden Startphase
des AS ist es als Vorteil angesehen worden, zunächst in der
Nähe liegende Auslandsaufenthalte zu organisieren, also jeweils
eine Gruppe Fünftsemester nach England, Dänemark oder
in die Niederlande zu entsenden. Die entsprechenden Partnerhochschulen
erhalten Unterstützung in der Betreuung durch die Finanzierung
von Tutoren. Aber langfristig spricht überhaupt nichts dagegen,
auch weiter entfernte Auslandsaufenthalte in einer der inzwischen
gewonnenen "Netzhochschulen" im fünften Semester zu ermöglichen.
Die
Netzhochschulen wurden über persönliche Kontakte zu dortigen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gewonnen, zum Teil befinden
sich entsprechende Kooperationsvereinbarungen noch in der Verhandlung.
Diese Hochschulen sind weltweit gestreut- zur Zeit durch zufällige
Kontakte in einigen südamerikanischen Ländern, Neuseeland,
Indien, Japan, China, Rußland, Ukraine und Ungarn. Aufgabe
der Netzhochschule ist die Unterstützung bei der Werbung von
(ausländischen) Studierenden.
Die
Werbung von Studierenden (etwa 40 pro Jahrgang, davon zur Hälfte
ausländische Studierende) wird als sehr großes Problem
angesehen. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Gegenwärtige
Erfahrungen mit technisch orientierten Studiengängen in Deutschland
zeigen einen dramatischen Rückgang der Anfängerzahlen
bei gleichzeitig sprunghaft gestiegener Nachfrage nach Absolventinnen
und Absolventen. Gerade bei den im Masterstudiengang anvisierten
Fachschwerpunkten besteht seitens der Industrie und angewandter
Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen ein außerordentlich
hoher Bedarf an "Meistern" ihres Faches. Lasertechnologie und
Medizintechnik sind offensichtliche Zunkunftstechniken. Schall und
Vibrationen sind beispielsweise unvermeidliche Begleiterscheinungen
moderner Maschinentechnik, etwa der Automobilindustrie, die nicht
nur dem "Sound Design" zu unterwerfen sind, sondern im Interesse
einer menschenfreundlichen Technikgestaltung zu mindern wären.
Die
Problematik bei der Werbung ausländischer Studierender hängt
mit der bislang mangelnden Vergleichbarkeit des hiesigen Studiums
mit dem international maßgebenden angelsächsischen Studienmodellen
zusammen. Obwohl letztere ebenfalls erhebliche Disparitäten
aufweisen, werden gerade bei den Zielländern in Fernost oder
bei technologischen Schwellenländern die angelsächsischen
Masterabschlüsse als erstrebenswert angesehen. Nach den vorliegenden
Berichten der ersten Runde genehmigter Studiengänge des AS-Programms
bestehen zudem bemerkenswerte Widerstände, in den zu Recht
als ausländerunfreundlich geltenden deutschen Landen zu studieren.
Aber nicht nur das politische Klima schreckt ab. Die Qualität
des klassischen Abschlusses Diplom ist schlicht nicht zu vermitteln.
Das Mißtrauen gegen eine qualitativ hochwertige Ausbildung
wird zudem dadurch geschürt, daß in Deutschland bekanntlich
keine Studiengebühren erhoben werden. "Was nichts kostet,
taugt auch nichts" wird tatsächlich immer wieder als Begründung
kolportiert. Hier ist generell noch beträchtliche Überzeugungsarbeit
zu leisten, an der der DAAD intensiv arbeitet. An dieser Stelle
soll nicht unerwähnt bleiben, daß der DAAD überaus
hilfreich mit Rat und Tat zur Seite steht, um allen AS-Programmen
zum Erfolg zu verhelfen.
Erfahrungen
mit den Einschreibungen liegen beim gegenwärtigen Entwicklungsstand
noch nicht vor. Aber die Extrapolation der Erfahrungen anderer weist
darauf, daß der mögliche Qualifikationsunterschied zwischen
der üblichen Einschreibung mit der sog. Fachhochschulreife
gegenüber der allgemeinen Hochschulreife weit hinter die Problematik
zurücktreten dürfte, ausländische Schulabschlüsse
oder Eingangsqualifikationen sachgerecht zu beurteilen. Die Antragsteller
neigen zur Zeit dazu, zunächst einmal alle Bewerbungen zu berücksichtigen,
die eine formale Qualifikation nachweisen, und das erste Semester
dazu zu nutzen, tatsächlich qualifizierte Studierende besonders
zum Weiterstudium zu ermuntern. Erste Eindrücke dürften
mit dem unbedingt für derartige Vorhaben empfohlenen Vorkurs
(von mindestens vier Wochen Dauer) vor Beginn des Semesters schockieren
oder beruhigen.
Die
antragstellenden Professoren Klaus Hinsch, Horst Kreitlow, Walter
Garen und Volker Mellert sind (noch) voller Zuversicht, den Master
of Science Engineering Physics zum Erfolg verhelfen zu können,
genügend Bewerbungen für die zum Wintersemester 1998/99
beginnende erste Phase zu erhalten und durch das neuartige Parallelkonzept,
welches auf einem gemeinsamen Basisstudium aufbaut, sowohl die Wünsche
und Neigungen der Studierenden besser aufzufangen als auch die Berufsaussichten
(international) zu verbessern.
Sabine
Teichmann
DEM
PRAGMATISMUS ALLEIN DAS WORT REDEN NEIN, DANKE!
Rostocker
Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer sichern Ausbildungsqualität
auch in gestuften Studiengängen
Lange
Zeit waren die Universitäten kein Thema von größerem
gesellschaftlichen Interesse. Sie mußten ihre Funktion nicht
legitimieren. Diese Situation hat sich in den letzten drei Jahrzehnten
wesentlich geändert.
Oft
stark emotionalisiert wird die Forderung nach Ausbildung erhoben
und als scheinbare Alternative "Bildung versus Ausbildung"
plakativ in die Debatte geworfen.
Verwertungsinteressen
an akademischer Bildung werden immer deutlicher. Heißt dieser
Trend aber auch, daß die Bedeutung von Bildung allein mit
wirtschaftlichen Kriterien gemessen wird?
Ein
Zuviel an Bildung kann es nicht geben. Die zukünftige Absolventin,
der zukünftige Absolvent sollen weiterhin nicht nur hochspezialisiertes
und generalistisches Wissen haben, sie sollen gebildet sein,
daß heißt auch, daß Universitäten ihre Spezifik
nicht allein aus der Aufgabe ableiten, hochqualifizierte Arbeitskräfte
auszubilden, sondern auch daraus, daß sie ihre Studierenden
an der Forschung teilhaben lassen.
Dieses
Verständnis ist oft kritisiert und mit dem Schlagwort "Praxisferne"
gekennzeichnet worden. Allerdings verkennt eine solche Kritik die
ganz besonderen Leistungen eines Studiums an einer wissenschaftlichen
Hochschule, nämlich gleichermaßen auf ein forschungsorientiertes
Studium und auf den Fundus gesicherten Wissens der gewählten
Fachdisziplin zurückgreifen zu können, um beim Tätigwerden
in der Praxis kreative und innovative Lösungen anzubieten und
Arbeitsplätze einzunehmen, die vorwiegend tätigkeitsinhaltlich
determiniert sind und planende, abstrakt-theoretische Aktivitäten
sowie einen hohen Grad der Informationsvermittlung verlangen.
In Stufen
zum Ziel Studieren in flexiblen Studienstrukturen
Wenn
Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer der Universität Rostock
an gestufte Studienabschlüsse denken, haben sie Absolventinnen
und Absolventen vor Augen, die mit ihrer Persönlichkeit den
Arbeitsplatzstrukturwandel mitgestalten können.
Vor
diesem Hintergrund ist es wichtig, daß sich die Universität
Rostock durch ein breit gefächertes Studienangebot an Natur-,
Geistes- und Sozialwissenschaften, Agrar-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften
auszeichnet, eine qualitativ gute Lehre und interdisziplinäre
Forschungsmöglichkeiten gewährleistet.
Die
Diplomausbildung oder die Magisterausbildung werden in ihrer Qualität
nicht aufgegeben; der Bachelor-Abschluß wird nicht zum Notausstieg.
In
Modellstudiengängen werden Lösungen gesucht, wobei die
Attraktivität für zukünftige Führungskräfte,
eben auch in der interdisziplinären Forschung, der Vielzahl
von Studienmöglichkeiten, der Aufnahme von Zusatzqualifikationen
und der Flexibilisierung der Studienformen liegt- sowohl für
Studierende aus Deutschland als auch für ausländische
Studieninteressierte.
Wie
ist der Stand der Diskussionen, welche Ausbildungskonzepte bestehen
zur Einführung von gestuften Studienabschlüssen?
An
der Ingenieurwissenschaftlichen und an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Fakultät werden die Einführung von Studienstrukturen,
die dem Bachelor- und Masterabschluß kompatibel sind, grundsätzlich
befürwortet. In der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät
ist es vor allem der Fachbereich Chemie, der mit der Umsetzung des
"Würzburger Modells" über die Vergabe auch eines
Bachelor-Grades nachdenkt.
Wie
die anglo-amerikanischen Abschlüsse in das bestehende Graduierungssystem
in Magister- oder Lehramtsstudiengänge eingefügt werden,
ohne die Wissenschaftlichkeit der Fachdisziplin zu vernachlässigen,
ist in der Philosophischen Fakultät in der Diskussion.
In
allen Fakultäten geht es dabei nicht in erster Linie um die
hohen Verweilzeiten oder die Quote der Studienabbrecher, sondern
um ein neues berufsqualifizierendes Profil des Studiums im Zusammenhang
mit dem Einsatz auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland sowie mit der
Vergleichbarkeit zu internationalen Studienleistungen und abschlüsse
und damit um die Unterstützung der Mobilität der Studierenden
und um ihren Einsatz auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Dabei
kommt man Interessen und besonderen Fähigkeiten der Studierenden
näher, wenn man gestuft fachinhaltliche Basisqualifizierung
und Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit herausbildet und
entsprechende Schwerpunkte in Studienabschnitten setzt.
Die
Übersetzung der bislang in Deutschland erworbenen Abschlüsse
in international gebräuchliche Kategorien allein ist für
einen Bachelor- und Masterstudiengang zu wenig; die Studieninhalte
müssen mit den gestuften Studienabschlüssen so korrespondieren,
daß der Bachelor-Abschluß vom Beschäftigungssystem
als berufsqualifizierend anerkannt wird.
Ein
relativ eigenständiges berufsqualifizierendes Profil bewegt
Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, wenn in Rostock über
gestufte Studienabschlüsse nachgedacht wird. Die zusätzlichen
Kosten, die bei Einführung von solch neuen Studiengängen
entstehen können, bestimmen den Diskurs ebenfalls.
Zum
Wintersemester 1998/99 sollen zwei Studiengänge eingeführt
werden, in denen der Bachelor-Abschluß ein eigenes Studienziel
und Ausbildungskonzept darstellt. Es sind dies die Studiengänge
"Business
Informatics" und "Informationstechnik/Technische
Informatik".
Zum
Studiengang "Business Informatics"
Der
Studiengang "Business Informatics" ist ein modularisierter
Studiengang, in den die Lehrinhalte und Erfahrungen aus dem Diplomstudiengang
"Wirtschaftsinformatik" einfließen.
Er
wird neben dem Diplomstudiengang als Modellstudiengang für
etwa 20 ausländische und 20 deutsche Studierende eingerichtet,
wobei die Nutzung der englischen und der deutschen Sprache als Arbeitssprachen
dazu beiträgt, die Studierenden auf den internationalen Arbeitsmarkt
vorzubereiten.
Der
Studiengang ist modular aufgebaut und besteht aus den beiden Teilstudiengängen
- Bachelor-Studium
(127 SWS und 20 SWS Sprachausbildung),
- Master-Studium
(49 SWS, 4 SWS Sprachausbildung sowie 26 Wochen Praktikum)
auf
universitärem Niveau.
Im
Bachelor-Studium umfaßt das Basisstudium 4 Semester, das Bachelor-Fachstudium
2 Semester, so daß nach 6 Semestern der Bachelor-Abschluß
erworben werden kann. Bestandteil des Studiums ist ein 3monatiges
Praktikum.
Die
Prüfungen - es sind sieben Fachprüfungen - werden studienbegleitend
durchgeführt. Eine Abschlußarbeit und die dazugehörige
Disputation bilden den Abschluß des Bachelor-Studiums.
Das
Master-Studium umfaßt vier Semester. In diesen vier Semestern
werden verlangt:
- ein wissenschaftlich
betreutes Unternehmenspraktikum von 26 Wochen, wobei Leistungen
aus dem Bachelor-Studium angerechnet werden können,
- ein weitestgehend
wahlobligatorischer Studienabschnitt,
- das Anfertigen
der wissenschaftlichen Abschlußarbeit (6 Monate).
Auch
hier werden die Prüfungen (vier große Fachprüfungen)
studienbegleitend organisiert.
Die
Regelstudienzeit für beide Teile des gestuften Studienganges
beträgt 10 Semester.
Vom
Beginn des Studiums an werden Lehrveranstaltungen in englischer
Sprache zur Pflichtkomponente gehören. Dabei wird Unterstützung
durch Sprachunterricht (Englisch und Deutsch) gegeben.
Für
deutsche Studierende ist ein Auslandsaufenthalt verbindlich.
Die
Integration der ausländischen Studierenden geschieht auf der
Grundlage eines intensiven Betreuungssystems (Benennung von Mentoren,
tutorielle Betreuung).
Für
den Studiengang "Business Informatics" werden aus dem
Haushalt der Universität erhebliche finanzielle Mittel aufgebracht.
Die Notwendigkeit entsteht nicht nur durch die Bereitstellung des
Lehrangebotes in den beiden Sprachen, sondern auch durch die mentorielle
und tutorielle Begleitung sowie durch die Grundausstattung an englischsprachiger
Fachliteratur.
Die
Aufwendungen werden sich im Laufe der Zeit minimieren, indem bei
den Lehrenden Erfahrungen entstehen, die z. B. das Sprachangebot
immer mehr zum inhärenten Bestandteil der Lehre an sich werden
lassen.
Zum
Studiengang "Informationstechnik/Technische Informatik"
Anders
im geplanten Studiengang "Informationstechnik/Technische Informatik".
Hier müssen keine zusätzlichen personellen oder sächlichen
Mittel bereitgestellt werden.
Der
Studiengang wird von den Fachbereichen "Elektrotechnik und
Informationstechnik" und "Informatik" getragen, indem
durch Modularisierung und flexiblere Kombination bereits vorhandener
Lehrangebote in den Diplomstudiengängen "Elektrotechnik"
und "Informatik" ein neuer Studiengang und damit ein neues
berufsqualifizierendes Angebot entsteht.
Der
neu eingerichtete Studiengang ist ein Diplomstudiengang und bietet
innerhalb dieses Studienganges gestufte Studienabschlüsse.
Er basiert auf einem gemeinsamen Grundstudium (92 SWS) und endet
mit den Fachprüfungen zum Vordiplom.
Nach
dem Vordiplom werden zwei Studienrichtungen angeboten,
1. die
"Technische Informatik",
2. die
"Informationstechnik".
Mit
dem fünften Semester beginnt in der jeweiligen Studienrichtung
das Fachstudium. Dieses Fachstudium gliedert sich in
- ein Fachstudium
(40 SWS) im fünften und sechsten Semester,
- eine zweimonatige
Bachelor-Arbeit im sechsten Semester sowie
- die Prüfungen
für den Abschluß "Bachelor of Science".
Die
Weiterführung des Fachstudiums (44 SWS), inklusive eines Berufspraktikums
im siebenten Semester und einer dreimonatigen Studienarbeit im achten
oder neunten Semester schließt mit dem Diplom ab, wenn alle
Fachprüfungen bestanden und die Diplomarbeit verteidigt ist.
Die Prüfungen erfolgen studienbegleitend.
Der
geplante Studiengang umfaßt zehn Semester Regelstudienzeit
und entspricht, was die fachlichen Anforderungen betrifft, den Vorgaben
der jeweiligen Fakultätentage.
Die
Studierbarkeit der Fächer innerhalb der Regelstudienzeit ist
gegeben. Dabei wird von den Studierenden erwartet, daß das
Studium im Mittelpunkt ihres Interesses steht und der jeweilige
Studienplan eingehalten wird.
Mit
der Vollendung des ersten Studienabschnittes wird eine Berufsqualifikation
vermittelt, die in beiden Studiengängen ein eigenständiges
Profil hat und weit mehr als nur propädeutische (Aus-)Bildung
darstellt. Dieser "Bachelor of Science" wird auf dem Arbeitsmarkt,
hier insbesondere im wichtigen Bereich der Informationstechnologie,
dringend benötigt. Aufnahmekapazität auf dem Arbeitsmarkt
besteht bereits heute.
Der
zweite Studienabschluß endet -wie zuvor erwähnt- mit
dem Diplom einer Diplominformatikerin (eines Diplominformatikers)
in der Studienrichtung "Technische Informatik" respektive
einer Diplomingenieurin (eines Diplomingenieurs) in der Studienrichtung
"Informationstechnik". Hervorzuheben ist, daß Studierende,
die den "Bachelor of Science" in einer facheinschlägigen
Ausbildung und den Diplomabschluß erworben haben, eine Äquivalenzbescheinigung
des Diploms mit dem "Master of Science" erhalten.
Der
neue Studiengang bietet nicht nur berufsqualifizierende Abschlüsse,
die kompatibel zum angelsächsischen System sind und die Benachteiligung
der Studierenden im internationalen Bereich beseitigt; er ermöglicht
auch und das ist neben allen anderen Eckdaten ein weiterer großer
Vorzug die Aufnahme von Studierenden, die den Bachelor-Grad im
Ausland erworben haben. Diese maximale Durchlässigkeit des
Studiums für Interessenten mit verschiedensten Voraussetzungen
und für ausländische Studienbewerber ist auf lange Sicht
auch ein Beitrag zum "life-long-learning", denn das
Master-Studium steht auch denjenigen offen, die nach erfolgreichem
Bachelor-Abschluß und daran anschließender einschlägiger
Berufstätigkeit zurück an die wissenschaftliche Hochschule
kommen.
Der
Studiengang "Informationstechnik/Technische Informatik"
soll im Wintersemester 1998/99 das erste Mal angeboten werden.
Die
zu vermittelnden Fachinhalte sind klar umrissen, die Prüfungsabschnitte
gegliedert; die fachlichen Anforderungen entsprechen internationalen
Standards. Dabei kommt der (Aus-) Bildung zugute, daß Studium
und Lehre sowohl im Diplomstudiengang "Informatik" als
auch im Diplomstudiengang "Elektrotechnik" erfolgreich
evaluiert wurden.
Weniger
klar als Struktur, Fachinhalte und Abschlußarten sind hochschulpolitische
Aspekte abschätzbar, wenn die Rostocker Initiativen als Teil
der Studienstrukturreform in der hochschulpolitischen Landschaft
der Bundesrepublik begriffen werden.
Fragen
wie z. B. die größere Durchlässigkeit der Hochschularten
oder die Finanzierung einer Grundausstattung (eines nur sechssemestrigen
Teilstudiengangs) oder die Durchsetzung von Einheitsstudiengängen
durch ministerielle Eckwerte-Verordnungen sind ungeklärt.
In
Stufen zum Ziel?
Mit
den hier vorgestellten Studiengängen hat die Universität
Rostock eine konzeptionelle Antwort zum Problemkreis gestufter Studienabschlüsse
und flexibler Studienstrukturen gefunden, die dem Beschäftigungssystem
gut ausgebildete, weil wissenschaftlich befähigte und praxis-
orientierte
Absolventinnen und Absolventen zur Verfügung stellt. Andere
Fächer werden sich den Fragen gestufter Studiengänge auch
stellen und sich z. B. folgende Fragen beantworten müssen:
- Bleibt der
traditionelle Studiengang bestehen?
- Werden gestufte
Abschlüsse und damit Teilstudiengänge parallel angeboten?
- Welches berufsqualifizierende
Profil hat der Bachelor-Abschluß?
- Ist die Qualität
einer solchen Ausbildung ohne ein gleichzeitiges Angebot an (zusätzlicher)
tutorieller Betreuung und intensiver Studienberatung zu sichern?
- Welche Maßnahmen
fördern den Übergang zum neuen Anforderungsprofil?
- Wie bewältigen
Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer sowie Administration
den sich gegenwärtig vollziehenden Paradigmenwechsel in den
wissenschaftlichen Hochschulen?
Der
vorliegende Text wurde mit Herrn Prof. Kohlschmidt (Ingenieurwissenschaftliche
Fakultät) und Herrn Prof. Tschirschwitz (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche
Fakultät) abgestimmt.
Wilfried
Müller
Internationalisierung
des Studiums
Vorbemerkung
Die
folgenden Ausführungen zur "Internationalisierung des
Studiums" sind bewußt in Thesenform gekleidet worden,
um ihren vorläufigen und diskussionsanregenden Charakter hervorzuheben.
Auf ausländer-, arbeits- und sozialrechtliche Aspekte der Internationalisierung
des Studiums werde ich nicht eingehen. Ich beschränke mich
auf studienstrukturelle, organisatorische und studieninhaltliche
Aspekte. Diese Thesen können nicht auf Besonderheiten der Studiengänge
und Fachbereiche eingehen. Diese müssen aufgrund ihrer spezifischen
disziplinären Traditionen, den damit verbundenen Beziehungen
zu Fachhochschul-Studiengängen und ihrer Einbindung in Arbeitsmarktstrukturen
eigenständige Lösungen zur Förderung einer stärkeren
Internationalisierung finden. Als Konrektor für Lehre und Studium
möchte ich die Studiengänge dabei unterstützen.
1.
These
In
den letzten Jahren ist in der hochschul- und wissenschaftspolitischen
Debatte die Internationalisierung des Studiums bzw. der Lehre zu
einem hochrangigen Ziel der zukünftigen Entwicklung der Hochschulen
in der Bundesrepublik Deutschland erklärt worden. Eine kleine,
aber steigende Anzahl von Universitäten und Fachhochschulen
hat mit einer Reihe unterschiedlicher Maßnahmen hierauf reagiert
(z. B. Einrichtung sogenannter "Internationaler Studiengänge").
In den vorgestellten Thesen möchte ich unter Internationalisierung
des Studiums bzw. Internationalisierung der Lehre verstehen, Lehre
und Studium so umzugestalten, daß sowohl der Wechsel ausländischer
Studierender an deutsche Hochschulen attraktiver als auch die "Auslandsmobilität"
deutscher Studierender vergrößert wird.
Bevor
Maßnahmen zur Reform von Lehre und Studium vorgeschlagen bzw.
sogar ergriffen werden, ist es sinnvoll zu klären, in welchem
Maße deutsche Hochschulen im Hinblick auf eine stärkere
"Internationalisierung" Schwächen besitzen und für
welche dieser Schwächen die Hochschulen verantwortlich gemacht
werden können. Erste empirische Studien zu dieser Thematik
leisten hierzu wertvolle Hilfe (Holtkamp 1997, Müßig-Trapp,
Schnitzer 1997).
Im
Vergleich mit Hochschulen anderer hochindustrialisierter Länder
ist der Anteil ausländischer Studierender an der Gesamtzahl
der Studierenden an deutschen Hochschulen nicht schlecht. Unter
Einbeziehung der sogenannten "Bildungsinländer" beträgt
der Anteil ausländischer Studierender 6,2 %; womit er höher
ist als der in den USA, Japan und Kanada, jedoch geringer als der
in Frankreich, Großbritannien und Australien. Die öffentliche
Kritik ist allerdings insofern völlig berechtigt, als die bundesdeutschen
Zuwachsraten deutlich geringer als die aller anderen hochindustrialisierten
Länder sind und ein relativ großer Teil ausländischer
Studierender aus den Nachbarstaaten der Europäischen Gemeinschaft
kommt. Studierende aus Südostasien, den USA und Kanada wenden
sich jedoch immer stärker von deutschen Hochschulen ab.
Ganz
anders ist der Anteil deutscher Studierender mit Studienerfahrungen
an ausländischen Hochschulen zu bewerten: Die Auslandsstudienquote
ist in den letzten zehn Jahren gestiegen. Der Anteil von 6 % wird
nur von ganz wenigen Ländern (Österreich, Portugal, Schweden
und Dänemark) übertroffen. Vermutlich kann im nächsten
Jahr die von der Europäischen Union vorgeschlagene Zielgröße
von 10 % der Studierenden, die am Ende ihres Studiums ein Auslandsstudium
absolviert haben, erreicht werden. Grundlage dieses Anstiegs sind
die europäischen Förderprogramme, insbesondere des DAAD.
Da jedoch einerseits die Wirkungen der Programme schwächer
werden und zweitens die akademischen Arbeitsmärkte sich weiter
"europäisieren" und "internationalisieren",
müssen Maßnahmen ergriffen werden, um diese Quote nicht
nur zu halten, sondern sogar zu steigern.
2.
These
Die
ersten empirischen Studien über die Ursachen des relativen
Bedeutungsverlustes deutscher Hochschulen am weltweit steigenden
"Markt" für Auslandsstudierende verweisen auf ein
komplexes Bündel verschiedener Faktoren, von denen die beiden
folgenden die wichtigsten sind:
1.
Während "Englisch" im Begriff ist, sich als Weltsprache
durchzusetzen, wird "Deutsch" in vielen Ländern,
wenn überhaupt, nur als zweite Fremdsprache für ältere
Schüler/innen angeboten. Folglich ist der nachschulische Aufwand,
Deutsch zur Vorbereitung auf ein Studium in Deutschland zu erlernen,
sehr hoch.
2.
Das deutsche Hochschulsystem mit seiner Parallelität von Universitäten
und Fachhochschulen ist völlig anders als das anglo-amerikanische
Hochschulsystem, das sich durch eine konsekutive Struktur von Bachelor-
(3 bis 4-jährige Ausbildung) und Master- (1 bis 2-jährige
Ausbildung) Studiengängen auszeichnet, strukturiert. Da nach
dem 2. Weltkrieg relativ viele Staaten ihr Hochschulwesen im Sinne
des anglo-amerikanischen Systems um- bzw. aufgebaut haben, finden
ausländische Studierende mit dem Bachelor-Abschluß keinen
Einstieg in unsere Diplom- bzw. Magisterstudiengänge, der ihnen
nach maximal zwei Jahren den Erwerb eines dem Master vergleichbaren
Abschlusses erlauben würde.
Die
fehlende Kompatibilität von deutschen und anglo-amerikanischen
Ausbildungsstrukturen stellt auch für die deutschen Studierenden
insofern ein Problem dar, als eigentlich durchgängig der Vordiplom-Abschluß
von ausländischen Hochschulen als nicht ausreichend empfunden
wird, um in ein Master-Programm aufgenommen zu werden. In der Regel
werden zwei weitere Semester nach dem Vordiplom mit gut dokumentierten
Prüfungsleistungen hierzu verlangt.
Konsequenz:
Maßnahmen zur Förderung der "Internationalisierung
der Lehre" sollten dazu beitragen, die Übergänge
zwischen deutschen Universitäten bzw. Fachhochschulen und ausländischen
Hochschulen mit Bachelor- bzw. Master-Abschlüssen zu erleichtern.
Mittelfristig kommen auch deutsche Universitäten wohl nicht
darum herum, zumindest parallel zu den deutschen Diplom- und Magister-Abschlüssen
Bachelor- und Master-Abschlüsse einzuführen.
3.
These
Für
die "Internationalisierung der Lehre" ist es darüber
hinaus von nicht unerheblicher Bedeutung, daß relativ viele
der ausländischen Studierenden, die an deutschen Universitäten
studiert haben, unzufrieden sind. Sie kritisieren insbesondere die
folgenden drei Punkte:
Die
Transparenz der Prüfungs- und Studienordnungen wird als völlig
unzureichend empfunden, - ein Tatbestand, der ihr Studium außerordentlich
zu erschweren scheint.
Die
Beratung und Betreuung durch Hochschullehrer/innen halten sie für
unzureichend, um angesichts ihrer wissenschaftlichen Vorerfahrungen
und Sprachkenntnisse effektiv studieren zu können.
Die
Kommunikationsbereitschaft deutscher Studierender ihnen gegenüber
wird als gering beschrieben, so daß sie auch über informelle
Arbeitsbeziehungen zu deutschen Studierenden die beschriebenen Probleme
nicht wesentlich mindern können.
Da
interessanterweise diese Aspekte auch von relativ vielen deutschen
Studierenden als Hemmnis für ein zügiges Studium angesprochen
werden, halte ich es für dringend erforderlich, zeitlich vor
der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen
die angesprochenen Probleme im Rahmen der vorhandenen Diplom- bzw.
Magister-Studiengänge anzugehen.
4.
These
Die
vorliegende Studie über hemmende Faktoren zur Aufnahme eines
Auslandsstudiums durch deutsche Studierende (Müßig-Trapp,
Schnitzer 1997) verweist nicht nur auf das Problem der unzureichenden
Kompatibilität zwischen den Ausbildungsstrukturen des deutschen
und anglo-amerikanischen Hochschulsystems (auch wenn von vielen
Studierenden eine mehr oder weniger große zeitliche Verzögerung
im Studium durch Auslandsstudien bemängelt wird), sondern auch
auf die folgenden (neben persönlichen und sozialen) studienrelevanten
Faktoren:
- zu geringe
Sprachfertigkeiten,
- zu hoher
Aufwand für die Planung und Realisierung eines Auslandsstudiums.
Auch
auf diese Probleme kann durch Maßnahmen im Rahmen der bestehenden
Diplom- und Magister-Studiengänge reagiert werden (siehe hierzu
These 6.4).
5.
These
Angesichts
der Unsicherheit über die Reaktion des deutschen Arbeitsmarktes
auf die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen
und der knappen personellen Ressourcen in vielen Studiengängen,
schlage ich für die nächsten beiden Jahre eine "Doppelstrategie"
vor: Einerseits sollte die Attraktivität unserer Diplom- und
Magister-Studiengänge für ausländische Studierende
und die Auslandsmobilität unserer Studierenden durch studienorganisatorische
und -inhaltliche Reformen vergrößert werden. Parallel
dazu sollten in ausgewählten Studiengängen Bachelor- und
Master-Abschlüsse als Ergänzung zum bisherigen Lehrangebot
aufgebaut werden. Mittelfristiges Ziel beider Maßnahmen sollte
es sein, die inhaltlichen und organisatorischen Voraussetzungen
dafür zu schaffen, parallel zu den Diplom- und Magister-Studiengängen
Bachelor- und Master-Abschlüsse einführen zu können,
ohne die Lehrkapazitäten wesentlich erweitern zu müssen.
Darüber hinaus muß dafür Sorge getragen werden,
daß solche Modelle überregional abgestimmt und nicht
durch staatliche Genehmigungsvorbehalte behindert werden.
6.
These
Die
folgenden organisatorischen und inhaltlichen Reformen halte ich
für eine Internationalisierung der Lehre auf dem Wege zur Einführung
von Bachelor- und Master-Abschlüssen für besonders dringlich:
6.1.
Im Mittelpunkt universitärer Maßnahmen zur Verbesserung
der Attraktivität des Studiums für ausländische Studierende
sollte eine stärkere "Modularisierung" der Diplom-
und Magisterstudiengänge stehen. Für vordringlich halte
ich eine Modularisierung der zweiten Studienphase, da hierdurch
sowohl für ausländische Studierende die Chance verbessert
wird, auf der Grundlage eines im Heimatland erworbenen Bachelor-Abschlusses
einen fachlich angemessenen Einstieg im fortgeschrittenen Studium
zu finden, als auch den Zeitverlust deutscher Studierender bei Studienaufenthalten
an ausländischen Universitäten zu verkürzen. Mit
der Modularisierung ist notwendigerweise die Einführung studienabschichtender
Prüfungsleistungen verbunden. In diesem Zusammenhang wird allen
Studiengängen empfohlen, das European-Credit-Transfer-System
einzuführen bzw. in Studien- und Prüfungsordnungen aufzunehmen.
6.2
Im Zusammenhang mit der Modularisierung müssen Prüfungs-
und Studienordnungen für alle Studierende wesentlich transparenter
als bisher gestaltet werden. Mittelfristig sollten zumindest die
Studienordnungen so umgestaltet werden, daß sie für alle
Studierenden, nicht nur für die ausländischen, tatsächlich
Orientierungscharakter besitzen.
6.3
Die studiengangspezifischen Beratungs- und Betreuungsangebote sollten
insbesondere für ausländische Studierende (aber nicht
nur für diese) verbessert werden. Verbindlicher als in der
Vergangenheit sollten alle Professoren bzw. Professorinnen angehalten
werden, mindestens zweimal pro Woche (je einmal vormittags und einmal
nachmittags) für Beratung den Studierenden zur Verfügung
zu stehen. Es sprechen jedoch viele Indizien dafür, daß
ältere Studierende als "erste Ansprechpartner" (Tutoren,
Mentoren) gerade für jüngere Studierende eine größere
Bedeutung als Hochschullehrer/-innen besitzen. In diesem Zusammenhang
sollten die Ergebnisse der Studierendenbefragung und der Arbeitsgruppe
"Vernetzte Studienberatung" der zentralen Organisationsentwicklungsgruppe
systematisch ausgewertet werden.
6.4
Sicherlich ist es zur Förderung der Internationalisierung der
Lehre sinnvoll, daß ein relevanter Teil der Lehrveranstaltungen
in englischer Sprache abgehalten wird. Dieses Ziel in den nächsten
Jahren regelhaft durchzusetzen ist aber nicht realistisch. Es sollten
aber auf jeden Fall Experimente mit in englischer Sprache angebotenen
Lehrveranstaltungen gemacht und viel stärker als bisher ausländische
Lehrende an der Lehre beteiligt werden. Außerdem sollten ausländische
Studierende durch Veränderungen der Prüfungsordnungen
das Recht erhalten, in "Englisch" Referate, Diplomarbeiten
und Promotionen schreiben zu dürfen.
Parallel
dazu sollte von den deutschen Studierenden verbindlicher als in
der Vergangenheit verlangt werden,
- universitätsinterne
Angebote zur Verbesserung ihres Fach- und Verhandlungsenglischs
wahrzunehmen,
- im Rahmen
ihrer Lehrveranstaltungen fremdsprachliche Texte zu bearbeiten
und
- die vorhandenen
Programme des DAAD und der Universität auf ihre Bedeutung
für ihre eigene berufliche Entwicklung zu prüfen, wozu
auch spezielle Beratungsangebote bereit gestellt werden müssen.
7.
These
Die
vorgestellten Maßnahmen zur Förderung der Internationalisierung
des Studiums sollten schon jetzt durch den gezielten Aufbau von
Bachelor-, Master- und Promotions-Studiengängen ergänzt
werden. Insbesondere eine Erweiterung des vorhandenen Lehrangebots
durch Master-Studiengänge halte ich für erforderlich,
da die überwiegende Zahl ausländischer Studierender erst
nach einem ersten Studienabschluß sich zu einem Auslandsstudium
entschließt. Diese Master-Studiengänge sollten sich durch
die folgenden Merkmale auszeichnen:
7.1
Ein größerer Teil der Lehrveranstaltung sollte vom Lehrkörper
in englischer Sprache angeboten werden; in jedem Fall muß
für die Studierenden die Chance bestehen, Referate und die
Master-Thesis in englischer Sprache abgeben zu dürfen.
7.2
Master-Studiengänge sollten intensive Lehrkooperationen zu
ausländischen Universitäten pflegen und den Dozenten-
und Studierendenaustausch intensivieren.
7.3
Master-Studiengänge müssen durchgängig modular konstruiert
sein und ECTS verbindlich eingeführt haben.
7.4
Die Universität Bremen sollte nur Master-Programme anbieten,
in denen eine umfassende Master-Thesis (vergleichbar einer Diplom-
oder Magisterarbeit) von den Studierenden verlangt wird.
7.5
In der ersten Modellphase sollten Master-Studiengänge eine
Ergänzung des fachlichen Zuschnitts der bestehenden Diplomstudiengänge
darstellen; neben fachlichen Spezialangeboten sollten insbesondere
fachübergreifende Master-Programme eingeführt werden.
8.
These
An
der Universität Bremen sollten in den nächsten Jahren
auch gezielt Experimente mit Bachelor-Studiengängen gemacht
werden. Es sollten insbesondere in denjenigen Bereichen Modellvorhaben
geplant und realisiert werden, in denen spezifische Gründe
dafür sprechen, Studienreformmaßnahmen durchzuführen:
Zu hohe Drop-Out-Quote im Studiengang, zu geringe Attraktivität
des Studiums für Vordiplomanden anderer Universitäten,
etc. Dabei ist allerdings folgendes zu beachten:
- Bei einigen
Studiengängen wird mit der Einrichtung eines Bachelor-Studiengangs
eine unmittelbare Konkurrenzsituation zu den Bachelor-Programmen
von Fachhochschulen entstehen.
- Die Reaktion
des deutschen Arbeitsmarkts auf die Einführung von Bachelor-Studiengängen
ist noch unbekannt und muß von Fach zu Fach ausgelotet werden.
- Die zu entwickelnden
Modelle sollten versuchen, die Erfahrungen entsprechender Studiengänge
im Rahmen des anglo-amerikanischen Systems zu berücksichtigen.
9.
These
Die
Beispiele Japans und Australiens zeigen, daß durch gezielte
Öffentlichkeitsarbeit und Informationspolitik die Quote ausländischer
Studierender innerhalb weniger Jahre deutlich zu erhöhen ist.
Die vorgeschlagenen Reformmaßnahmen zur Förderung der
Internationalisierung der Lehre sollten in jedem Fall durch ein
gezieltes Hochschulmarketing der Universität Bremen in anderen
Bundesländern und in anderen Staaten, insbesondere in Asien
und Nordamerika unterstützt werden.
10.
These
Zur
Unterstützung entsprechender Planungen und Entwicklungen in
den Studiengängen beabsichtige ich, einen Teil der für
Reform in der Lehre zentral zur Verfügung stehenden Mittel
vorzuhalten.
Gefördert
werden sollten Maßnahmen wie
- Auslandsreisen
der Studiengangsbeauftragten für die Lehre zur fachspezifischen
Information über curriculare Strukturen, Qualifikationsniveaus
und Berufseinmündungen von BA- und MA-Absolventen zu ausländischen
Universitäten mit anglo-amerikanischer Studienstruktur;
- Hilfskraftmittel
für die Dokumentation und Auswertung einschlägiger Dokumente
und Materialien;
- Unterstützung
bei der Einwerbung ausländischer Gastdozenten soweit keine
anderen Förderungsmöglichkeiten (DAAD) genutzt werden
können;
- Hilfskraftmittel
zur Unterstützung bei der Entwicklung eines modularisierten
Curriculums und dessen Umsetzung in Prüfungs- und Studienordnungen;
- Mittel zur
Unterstützung von besonderen Beratungs-/Betreuungsmodellen
für ausländische Studierende im Studiengang;
- Mittel zur
Unterstützung von Modellen zur Verstärkung des Umgangs
mit Fremdsprachen im Studium.
Sabine
Teichmann, Philipp Busch
"Kurz
und knackig"
Zur
Einführung von Kurzstudiengängen an deutschen Universitäten
1. Die Diskussion
um den Baccalaureus
Ausgangslage
Seit
Beginn der 90er Jahre dauert die Diskussion um Kurzstudiengänge
und damit verbunden um die Einführung des Baccalaureus als
erstem Universitätsabschluß an deutschen Universitäten
an.
In
der Diskussion werden unterschiedliche Argumente und Begründungen
für die Notwendigkeit einer entsprechenden Studienreform angeführt:
- Die im Verhältnis
zur Lebensarbeitszeit langen Studienzeiten sowie das damit zusammenhängende
hohe Durchschnittsalter der Studierenden;
- die unterschiedlich
langen Studienzeiten in Europa, die u.a. dazu führen, daß
bei der Anerkennung von Abschlüssen Ungleiches gleich behandelt
wird;
- die notwendigen
Konsequenzen für die Gestaltung des grundständigen Studiums,
die sich aus der drastischen Verkürzung der Halbwertzeit
des Spezialwissens ergeben;
- die relativ
hohe Zahl der Studienabbrecher;
- die Eignung
nur einer kleinen Zahl von Studierenden für die Wissenschaft;
- die wirtschaftliche
Angemessenheit der Studiendauer als einem Aspekt der Rechenschaftslegung
der Universitäten gegenüber der Gesellschaft;
- die Erfordernisse
moderner Qualifikationssysteme;
- die differenzierte
Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt;
- die Konkurrenzfähigkeit
der Absolventen auf einem zunehmend globalisierten Arbeitsmarkt.
Am
Beginn der Diskussion um den Baccalaureus steht also die Feststellung
einer ‘Unangemessenheit’ der aktuellen, tradierten Studienstrukturen:
weder sei die Studiendauer dem sorgsamen Umgang mit Lebenszeit und
den Anforderungen des Arbeitsmarktes angemessen, noch entsprächen
die Abschlüsse den internationalen Gepflogenheiten und dem
internationalen Wissenschaftswettbewerb; außerdem korrelierten
die Strukturen und Inhalte nicht mit den Erwartungen der Studierenden
an eine wissenschaftliche Berufsausbildung.
Für
und wider die Einführung des Baccalaureus
Die
Befürworter des Baccalaureus suggerieren, die Studienstrukturen
stimmten mit den Erwartungen und den Ansprüchen an das Studium
wieder überein, sobald an deutschen Universitäten möglichst
flächendeckend der Baccalaureus als erster berufsqualifizierender
Abschluß abgelegt werden könnte.
So
spräche für den Baccalaureus, daß die Studierenden
in ihrer Studiengestaltung mehr Autonomie erhielten. Diejenigen
unter ihnen, die lediglich eine breite wissenschaftliche Berufsausbildung
wollten, könnten sich mit dem Baccalaureus in der Tasche früher
auf den Arbeitsmarkt begeben, wo ihre Berufsaussichten laut entsprechenden
Absolventenuntersuchungen und Arbeitgeberbefragungen durchaus als
gut einzuschätzen seien. Wer jedoch an der Wissenschaft Gefallen
gefunden habe und für sie geeignet sei, könnte nach dem
Baccalaureus noch den Magister bzw. das Diplom anstreben und weiter
an der Universität bleiben.
Gerade
für das Studium im Anschluß an den Baccalaureus ergebe
sich eine größere Flexibilität: bis zum Baccalaureus
gehe es in der ersten Studienphase um den Erwerb der allgemeinen
Grundlagen eines Faches und der generalistischen Qualifikationen,
"die den Bedürfnissen der Praxis nach ‘berufsfähigen
Generalisten’ entgegenkommen." Die zweite Studienphase bis
zum Magister bzw. Diplom solle dann einem vertiefenden Studium dienen,
das aus mehreren Modulen ausgewählt werden könne.
Die
kürzere Studienzeit bis zum Baccalaureus helfe außerdem,
die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren.
Zugleich
wäre klar, daß die Kompatibilität der deutschen
mit ausländischen Studiengängen durch den Baccalaureus
verbessert und der Studierendenaustausch erleichtert würde.
Ein
Argument schließlich, das unerwähnt im Hintergrund mitschwingt
und möglicherweise der eigentliche Anlaß ist, den Baccalaureus
zu diskutieren, liegt in der Kostenfrage. Wenn man davon
ausgeht, daß tatsächlich ein Großteil der Studierenden
nur unfreiwillig ‘unangemessen’ lang an der Universität bleibt
und liebend gern frühzeitig mit dem Baccalaureus auf den Arbeitsmarkt
drängte, bedeutet dies eine nicht unerhebliche Entlastung der
Universitäten durch insgesamt niedrigere Studierendenzahlen.
Gerade
an diesem Punkt könnte die positive Sicht auf den Baccalaureus
getrübt werden. Ein Anreiz für die Kultusministerien der
Länder, auf die Einführung von Kurzstudiengängen
zu drängen, liegt möglicherweise in der Perspektive, an
den Universitäten Kapazitäten abbauen und aufgrund abnehmender
Studierendenzahlen Finanzmittel kürzen zu können. Im Ergebnis
blieben die Studiensituation und die Betreuungsrelation in der universitären
Lehre dieselben, allerdings auf niedrigerem absoluten Niveau der
Studierenden- und Lehrendenzahlen und Universitätshaushalte.
Auch
die anderen Argumente pro Baccalaureus müssen sorgfältig
geprüft werden. Nicht immer erscheinen sie besonders stichhaltig
diskussionsbedürftig sind sie in jedem Fall. So wäre
z.B. zu fragen, ob die internationale Wettbewerbsfähigkeit
tatsächlich durch die Einführung gestufter Abschlüsse
und damit einer Neustrukturierung des Studiums gegeben wäre?
Und:
"Hängt" die schwierige Anerkennungspraxis nicht eher an der
fehlenden Transparenz der Studiengänge? Könnte die komplizierte
Anerkennungspraxis nicht nachhaltig verbessert werden durch eine
umfassende Informations- und Öffentlichkeitsarbeit, eine Mentalitätsänderung
bei Hochschullehrern und die Entwicklung gemeinsamer Kerncurricula?
Positiv
zu bewerten ist die Absicht, mit dem Baccalaureus Studierenden vor
dem Magister bzw. Diplom den ‘ehrenvollen’ Abgang von der Universität
zu ermöglichen.
Man
wird dem Argument nicht gerecht, wenn man den Baccalaureus als "Nottaufe
für potentielle Studienabbrecher" disqualifiziert oder
statt des Baccalaureus Regelungen fordert, "die der Universität
ermöglichen, Faulpelze, Träumer oder auch die vielen,
die für ein wissenschaftliches Studium von Anfang an nicht
geeignet waren, hinauszukomplementieren." Vielmehr ist es ein
berechtigtes Anliegen, diejenigen Studierenden ernst zu nehmen,
die die Universität frühzeitig und ohne Abschluß
verlassen. Gleichwohl müssen entsprechende empirische Untersuchungen
daraufhin befragt werden, wann und aus welchen Gründen ein
Studium abgebrochen wird.
Zwei
Schritte, potentiellen Studienabbrechern entgegenzukommen, bestünden
in der Intensivierung der (obligatorischen) Studienberatung und
-betreuung für die ‘orientierungslosen’ Studierenden durch
Mentoren und Tutorien sowie in der Ermöglichung und Anerkennung
von Teilzeitstudien für arbeitende Studierende (bzw. die Aufstockung
der Bafög- und Stipendienmittel).
Falls
der Baccalaureus als Abschluß eingeführt wird, heißt
das auch, daß die Vermittlung der Grundlagen stärker
normiert und das Kurzstudium verschult wird. Diese Verschulung hätte
auch negativen Einfluß auf die Wissenschaftlichkeit der weitergehenden
Diplom- und Magisterausbildung, die zudem einer Elite vorbehalten
bliebe.
Das
mag im Sinne der Universitäten und der Herausbildung des wissenschaftlichen
Nachwuchses sein, mit ‘Autonomie der Studierenden’ darf diese Situation
allerdings nicht verwechselt werden. Auch die Bildungsplanung bleibt
auf der Strecke.
Ein
letztes Argument für den Baccalaureus lautet, daß eine
Mehrzahl der Studierenden sich keineswegs zu einem wissenschaftlichen
Studium an der Universität befinde. Im Blick auf die angestrebte
berufliche Tätigkeit bestehe bei ihnen und den Arbeitgebern
aus ‘der Wirtschaft’ allein Interesse an "Handlungskompetenz,
die sich auf einer soliden Grundlage von Kenntnissen und einer methodisch
geschulten Auffassungsgabe gründet, am "Aspekt des praxisrelevanten
Handlungswissens", was in einem Kurzstudium vermittelt werden
könne.
Eine
solche Auffassung führt zwangsläufig zu einer anderen
Definition von Wissenschaft und einem sehr pragmatischen Verständnis
eines wissenschaftlichen Studiums. Im Ergebnis gliche sich die Universität
der Fachhochschule an und zahlte die größere Anpassung
an das Beschäftigungssystem und ‚die‘ Wirtschaft mit dem Preis
der Aufgabe ihres tradierten Selbstverständnisses.
Die
Entscheidung pro oder contra Baccalaureus-Studiengänge läßt
sich vielleicht auf eine sehr zugespitzte Alternative reduzieren:
Entweder die Universitäten bemühen sich weiterhin auch
in der Lehre um die Wissenschaft als Wissenschaft und versuchen,
die Studierenden für Wissenschaft zu begeistern und gleichzeitig
zu einem Beruf zu befähigen, oder sie bedienen marktgerecht
die Nachfrage ‘der Wirtschaft’ und der am Arbeitsmarkt ausgerichteten
Studierenden nach ‘wissenschaftlich fundierter Berufsausbildung’.
2. Kurzstudiengänge
an deutschen Universitäten
Einige
Universitäten entsprechen bereits der ‘Nachfrage’ nach Kurzstudiengängen
und bieten in ausgewählten Fächern die Möglichkeit,
den Bachelor bzw. Baccalaureus/Baccalaurea als ersten akademischen
Grad zu erwerben.
Hier
sollen nun die Modelle der Universitäten Augsburg (Wirtschaftswissenschaften),
Bochum (Reformmodell zur Neustrukturierung des Magisterstudiums),
Dresden (Physik, Maschinenbau, Elektrotechnik) und Leipzig (Philosophie,
Klassische Kultur und Geschichte) vorgestellt werden. Neben diesen
Universitäten bieten noch Jena (Mathematik, Wirtschaftsmathematik),
Göttingen (Geowissenschaften) und Tübingen (Japanologie)
entsprechende Kurzstudiengänge an. Die knappe Darstellung der
Baccalaureus-Studiengänge an den zwei west- und den zwei ostdeutschen
Universitäten beschränkt sich auf deren Strukturen; die
Diskussion der Studieninhalte muß den Fachwissenschaftlern
überlassen bleiben.
Den
einfachsten Weg geht die Universität Augsburg in den
Fächern Wirtschaftswissenschaften und Ökonomie. Seit 1992
wird dort "den Studierenden, die die Diplom-Vorprüfung
in diesen Fächern abgelegt haben, der akademische Grad eines
‘Baccalaureus’ bzw. einer ‘Baccalaurea’ verliehen." Das Ziel
ist es, bereits nach dem Grundstudium "interessierten Studierenden
den frühzeitigen Wechsel in die berufliche Praxis zu ermöglichen",
die Ausbildungsdauer zu verkürzen und dem Studienabbruch entgegenzuwirken.
Die Studiengänge eignen sich insofern für den frühen
Abschluß, als sie konsekutiv aufgebaut sind und durch Problemorientierung
sowie die Integration von Sozial- und Rechtswissenschaften eine
große Praxisnähe aufweisen. Man befinde sich mit der
Einführung des Baccalaureus "auf dem richtigen Weg":
die Arbeitgeber reagierten positiv, bisher hätten alle Absolventen
einen adäquaten Arbeitsplatz gefunden bzw. studierten im Ausland
weiter. Zudem habe sich gezeigt, daß die Baccalaureaten keineswegs
Studienabbrecher seien. Vielmehr habe das Studienziel Baccalaureus
schon bei Studienbeginn festgestanden; außerdem ließen
auch die durchschnittliche Studiendauer (bei vier Semestern Regelstudienzeit
eine Studiendauer von 5,9 Semestern gegenüber 5,3 Semestern
der Diplom-Studierenden) und die durchschnittliche Abschlußnote
(3,32 gegenüber 3,02 der Diplom-Studierenden in der Diplomvorprüfung)
nicht den Rückschluß zu, daß es sich beim "bacc.oec."
um eine Notlösung handele.
Einen
ganz anderen Weg geht die Ruhr-Universität Bochum, die
seit 1993 einen reformierten Magisterstudiengang anbietet, der nach
sechs Semestern den Baccalaureus Artium (B.A.) als ersten wissenschaftlichen
Abschluß vorsieht. Das Reformmodell sieht für die sechs
Semester das Grundlagenstudium in drei Fächern aus dem üblichen
Magister-Fächerkanon auf ‘Nebenfachniveau’ (maximal 36 Semesterwochenstunden
pro Fach) vor.
Am
Ende dieses Studienabschnittes steht die B.A.-Prüfung, die
sich aus zwei als Vorleistung erbrachten und in das Prüfungsergebnis
eingehenden Leistungsscheinen pro Fach, einer mündlichen und/oder
schriftlichen Prüfung je Fach sowie einer kleineren wissenschaftlichen
Studienarbeit mit sechs Wochen Bearbeitungszeit zusammensetzt.
Als
Zusatzqualifikation belegen die Studierenden während der sechs
Semester je nach Vorkenntnissen Sprachkurse in Englisch oder einer
weiteren Fremdsprache und absolvieren in den ersten vier Semestern
fortlaufende EDV-Kurse. Außerdem gehört ein durch das
Koordinationsbüro vermitteltes Praktikum mit einem begleitenden
Seminar sowie zwei ‘Arbeitsmarktkolloquien’ (Gastvorträge von
‘Praktikern’) zum Pflichtprogramm.
Flankiert
wird das Reformmodell, zu dem jährlich lediglich 150 Studierende
zugelassen werden und nicht etwa potentielle Studienabbrecher,
sondern leistungsstarke Studierende , von einem umfangreichen Tutorienprogramm
für Begleitveranstaltungen, Sprechstunden und Prüfungsvorbereitung
sowie von Mentorien, die Einblick in aktuelle Forschungsprojekte
geben sollen und der Betreuung der Magisterkandidaten und -kandidatinnen
dienen.
Das
an den B.A. anschließende M.A.-Studium ist als zweisemestriges
Vertiefungsstudium in einem der drei gewählten Fächer
konzipiert und schließt mit einer Magisterarbeit (sechs Monate
Bearbeitungszeit) und einer Prüfung im gewählten Fach
ab.
Von
den Universitäten in den neuen Ländern führen Leipzig
und Dresden zum Wintersemester 1997/98 den Baccalaureus ein.
Unter
der Überschrift "Deutschlands Wirtschaft fordert: kürzere
Studienzeiten! Universität Dresden zeigt, wie es geht"
wirbt die Technische Universität Dresden in von ‘der
Wirtschaft’ geförderten Zeitungsanzeigen für den frisch
eingeführten "Bachelor" in den Fächern Physik, Elektrotechnik
und Maschinenbau (für Informatik, Anglistik und Slawistik laufen
entsprechende Vorbereitungen).
Gewissermaßen
als ‘Bescheinigung für schnelles Studieren’ wird der Baccalaureus/Baccalaurea
der Physik (Bachelor of Sciences in Physics, Bsc) verliehen. Wer
nach sechs Semestern eine vorgegebene Zahl an Leistungsscheinen,
die im Schnitt mindestens mit der Note 2,5 benotet wurden, vorlegt
und nach höchstens vier Semestern die Diplomvorprüfung
mindestens mit der Note 2,0 bestanden hat, erhält als Belohnung
den Grad des "Bachelors". Damit soll vor allem geeigneten Studierenden
die Aufnahme eines Graduiertenstudiums im Ausland erleichtert werden.
Auf
eine Studiendauer von sieben Semestern sind die "Bachelor"-Studiengänge
der Fächer Elektrotechnik und Maschinenbau angelegt. Bis zur
Diplomvorprüfung sind sie in den Diplomstudiengang integriert.
Die Studierenden müssen anschließend ihre Absicht erklären,
daß sie den Bachelor anstreben und absolvieren dann zunächst
ein "Bachelor"-Hauptstudium zu 56 Semesterwochenstunden (Maschinenbau)
bzw. zu 67 Semesterwochenstunden (Elektrotechnik), für das
ein eigener Studienplan vorgegeben ist. Das siebte Semester dient
in beiden Studiengängen der Anfertigung einer wissenschaftlichen
Abschlußarbeit und dem Ablegen der Fachprüfungen. Ein
Wechsel zwischen "Bachelor"- und Diplomstudiengang ist jederzeit
vor Ausgabe des Themas der wissenschaftlichen Arbeit und wieder
nach dem erfolgreichen Bestehen der "Bachelor"-Prüfung möglich.
In
den Fächern Philosophie sowie Klassische Kultur und Geschichte
bietet die Universität Leipzig ab dem Wintersemester
1997/98 Studiengänge an, die jeweils sechs Semester bis zum
Baccalaureus Artium vorsehen.
Für
Baccalaureus-Studierende der Philosophie gliedert sich das Studium
in ein zwei Jahre umfassendes Grundstudium, in dem zwei Hauptfächer
bzw. ein Hauptfach und zwei Nebenfächer (nach den Regeln des
Magisterstudienganges?) belegt werden. Nach der Zwischenprüfung
konzentriert sich das B.A.-Hauptstudium auf ein Schwerpunktfach,
das nach weiteren zwei Semestern mit der B.A.-Prüfung abgeschlossen
wird. Eine Fortsetzung des Studiums bis zum M.A. ist im Anschluß
an den B.A. möglich, indem das Studiengewicht vom bisherigen
B.A.-Schwerpunktfach auf ein bisheriges B.A.-Begleitfach verschoben
wird. Es bestehen darüber hinaus Überlegungen, die erfolgreiche
B.A.-Prüfung (anstelle der Zwischenprüfung?) als Voraussetzung
für das weiterführende M.A.-Studium festzulegen.
Als
Kurzvariante des entsprechenden M.A.-Studienganges ist der B.A.-Studiengang
"Klassische Kultur und Geschichte" konzipiert. Er sieht
die Studienschwerpunkte Alte Geschichte, Klassische Archäologie
und Geschichtsdidaktik vor; langfristig wird eine Modularisierung
geplant, die es den Studierenden erlaubt, als drittes Fach neben
der Alten Geschichte und einem zweiten altertumswissenschaftlichen
Fach aus ‘geschichtsfremden’ Fächern wie Ethnologie, Theologie
etc. zu wählen. Der B.A.-Studiengang ist in den M.A.-Studiengang
integriert und ermöglicht von daher nach der Erlangung des
B.A.-Grades auch die Fortführung des Studiums bis zum Magister.
- Die Darstellung
der unterschiedlichen Modelle von Baccalaureus-Studiengängen
zeigt, daß es neben der Frage nach den hochschulpolitischen
Voraussetzungen und Konsequenzen von Kurzstudiengängen eine
Reihe organisatorischer bzw. struktureller Fragen zu klären
gibt:
- Wie viele
Semester soll das Baccalaureus-Studium umfassen? Die Modell schwanken
zwischen vier und sieben Semestern Regelstudienzeit.
- Wie soll
der Baccalaureus in den Magister- bzw. Diplomstudiengang integriert
werden? Die Modelle variieren von völlig neu konzipierten
Studiengängen (Bochum) über ein eigenständiges
"Bachelor"-Hauptstudium auf Grundlage eines mit dem Diplom- bzw.
Magisterstudiengang parallel geführten Grundstudiums (Dresden)
bis hin zur bloßen Verleihung des Baccalaureus-Grades nach
einer bestimmten Semesterzahl (Augsburg).
- Wie sollen
die Prüfungen gestaltet werden, vor allem: müssen wissenschaftliche
Abschlußarbeiten angefertigt werden?
- Wird man
sich Zeit nehmen, Sonderveranstaltungen für die Baccalaurei
anzubieten?
- Wird man
die Studienbegleitung verbessern?
- Wird der
Fokus des Interesses der Hochschule (endlich) auf der Lehre liegen?
- Wie wird
man sich von den Fachhochschulen abgrenzen?
- Wird ein
neuer akademischer Grad sinnvoll sein, wenn die Struktur des Studiums
nicht geändert wird?
- Wie weitreichend
wird der Einfluß der Wirtschaft sein, wenn es um die Definition
von Wissenschaft geht?
In
der Diskussion des Baccalaureus besteht außerdem noch keine
Klarheit darüber,
- welchen Umfang
der Fachanteil im Baccalaureus-Studium haben wird;
- wieviel Raum
allgemeinbildende und instrumentelle Veranstaltungen einnehmen;
- wie groß
der Anteil des interdisziplinären Fachanteils sein soll.
Das
gravierendste Problem liegt also in der Konzeption des gesamten
Studiengangs: (Wie) kann ein Fach in sechs Semestern inhaltlich
so gelehrt und studiert werden, daß der Baccalaureus als Abschluß
den Absolventen nicht nur mit einem Titel ausstattet, sondern auch
sachgerecht und fundiert qualifiziert?
Literaturverzeichnis
Materialsammlung:
Gestufte
Studiengänge an Universitäten. Fakten, Meinungen, Tendenzen,
hrsg. v. M. Bülow-Schramm (IZHD der Universität Hamburg,
Hochschuldidaktische Arbeitspapiere Sonderheft), Hamburg 1997.
Zur
Diskussion der Kurzstudiengänge:
Hans-Jürgen
Brackmann, Kurzstudien, nein danke, aber... Die Hochschulreform
aus Sicht der Arbeitgeber; in: Forschung & Lehre 11/96, 578f.;
Kultusministerin
des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Hochschulgesamtplan Mecklenburg-Vorpommern
gem. § 108 LHG (Entwurf), Juli 1997;
Karl
Lewin u.a., Studienabbruch: Gründe und anschließende
Tätigkeiten. Ergebnisse einer bundesweiten Befragung im Studienjahr
1993/94 (HIS Kurzinformation A1/95), Hannover 1995;
Nikolaus
Lobkowicz, Keine Lösung. Kritische Anmerkungen zum Bakkalaureus;
in: Forschung & Lehre 11/96, 572-574;
Lothar
Zechlin, Gestufte Studienabschlüsse. Der Weg aus der hochschulpolitischen
Sackgasse?; in: Innovationen statt Sanktionen, hrsg. v. G. Köhler
u. F. Gützkow, Frankfurt/M. 1994, 141-146; abgedruckt in: Gestufte
Studiengänge, 24-31.
Informationen
zu Kurzstudiengängen:
- Akademischer
Abschluß bereits nach dem Grundstudium; in: Information
85/92, hrsg. v. Bayrischen Staatsministerium für Unterricht,
Kultus, Wissenschaft und Kunst; abgedruckt in: Gestufte Studiengänge,
73f.;
- R. Blum,
Auf dem richtigen Weg; in: Forschung & Lehre 11/96, 575f;
- Informationen
des Koordinationsbüros für das Reformmodell zur Neustrukturierung
des Magisterstudiums an der Ruhr-Universität; abgedruckt
in: Gestufte Studiengänge, 80-87;
- Studieninformationen
der Technischen Universität Dresden;
- Studieninformationen
der Universität Leipzig.
Hrsg.:
Geschäftsstelle des Verbundes Norddeutscher Universitäten
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1
20146 Hamburg |
Verbund-Materialien,
Band 2
1. Auflage 1998
Hamburg, Juni 1998
Alle Rechte bei den Autor/inn/en |
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